Presseschau

Sie wussten es vielleicht nicht, aber der Deutsche Bundestag hat eine Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Die hat sich im Januar mit der Arbeit der Verwertungsgesellschaften beschäftigt (gebracht hat das, angesichts der gerade verabschiedeten Novelle des Urheberrechts ja scheinbar nichts) und im März mit der Stärkung der „Kultur- und Kreativwirtschaft“ (was auch immer das ist). Mehr findet sich nicht auf der Webseite der Kommission.

Aber laut Hamburger Abendblatt will die Kommission jetzt die deutsche Sprache retten — natürlich auf höchstem Niveau:

„Uns geht es nicht um Deutschtümelei, sondern um die Pflege der deutschen Sprache als Kulturgut“, sagte die Vorsitzende der Enquete-Kommission, Gitta Connemann (CDU), dem Abendblatt.

Natürlich. Deshalb soll auch da angefangen werden, wo es wirklich wichtig ist:

Obwohl laut einer Studie der Europäischen Kommission mehr als ein Drittel der Bundesbürger keine Fremdsprache spricht, werden im öffentlichen Sprachgebrauch immer häufiger deutsche Begriffe durch englische Wörter oder gar Kunstbegriffe ersetzt. Statt „Auskunft“ gibt es den „Service Point“, der Ausgang heißt „Exit“, der Begriff „McClean“ steht für Bahnhofstoilette. Geht es nach der Kommission soll neben diesen englischen Bezeichnungen künftig die deutsche Übersetzung stehen.

Also, wenn ich noch einmal die Begriffe „Service Point“ und „McClean“ im Zusammenhang mit der Rettung der deutschen Sprache höre, dann platzt mein Kopf. Es fehlt nur noch „Call-a-Bike“, dann wäre das Drohszenario perfekt.

Während die Enquete-Kommission in Stellung geht, um deutsche Bahnhöfe wieder deutsch zu machen, gibt die Financial Times Deutschland an der Werbefront Entwarnung:

Unternehmen in Deutschland sprechen ihre Kunden wieder in der Muttersprache an. Der Anteil englischer Werbeslogans ist seit der New-Economy-Ära deutlich zurückgegangen. Ein Grund: Die Kunden verstanden die Botschaften überhaupt nicht.

Ja, und so erfahren wir, dass Berentzen den Slogan „World of fine drinks“ durch „So schmeckt Lebensfreude“ ersetzt hat. Das passt doch auch viel besser zum Komasaufen mit Apfelschnaps.

Im englischsprachigen Australien dagegen bereitet man sich sprachlich auf eine kulturelle und wirtschaftliche Übernahme durch die regionale Supermacht vor:

Australische Schulen führen zunehmend Hochchinesisch als Pflichtfach ein. Nach einer Reihe von Privatschulen im Bundesstaat New South Wales plant nun auch die Musikschule von Sydney, dass vom nächsten Jahr an alle Schüler die chinesischen Amtssprache Mandarin lernen müssen, … . Der Leiter der Conservatorium High School, Shane Hoge, rechtfertigte seine Entscheidung mit der wichtigen Rolle Chinas in der Weltwirtschaft. Die berufliche Zukunft seiner Schüler könne irgendwann davon abhängen, ob diese Mandarin beherrschten oder nicht.

Das kann deutschen Schülern nicht passieren. Wenn die Chinesen am Berliner Hauptbahnhof ankommen, um die deutsche Wirtschaft zu übernehmen, werden sie den Ausgang nicht finden. Denn der ist dann ja nur noch in deutscher Sprache ausgeschildert.

3 Kommentare zu „Presseschau“

  1. „Geht es nach der Kommission soll neben diesen englischen Bezeichnungen künftig die deutsche Übersetzung stehen.“
    „Denn der [Ausgang] ist dann ja nur noch in deutscher Sprache ausgeschildert.“
    Der Vorschlag, neben einer internationalen, d.h. i.A. englischen Beschriftung auch eine lokale, d.h. deutsche vorzusehen, finde ich vergleichsweise vernünftig, schließlich stellen die Gäste (ohne die geringsten Deutschkenntnisse) nur selten die Mehrheit.

    Ich habe außerdem schon Chinesen (neben diversen (Ost-)Europäern) getroffen, die Deutsch, aber kein Englisch konnten, und andere, die beides in einem Aufwasch gelernt haben, weil es ja sowieso fast dieselbe Sprache wäre.
    Wieso führt eigtl. hierzulande niemand chin. Schriftzeichen an Orten mit viel internationalem Publikum ein? (Leider – für diesen Zweck – sind die Zeichen i.d.R. nicht (mehr) universell für die Chinas, die Koreas und Japan.)
    Sind die internationalen Symbole bzw. Piktogramme für (ost)asiatische Besucher ausreichend?

    Eine Idee, der ich in der heutigen Zeit eher Chancen auf Verwirklichung einräumen würde, ist die absichtlich falsche Beschilderung in arabischer Schrift (und Sprache).

  2. also, wenn schon zweisprachig, dann die Fremdsprache neben der lokalen Sprache - so hält man es in der Welt.

    “Ausgang - Exit” macht ja in einer deutschsprachigen Umgebung mehr Sinn als “Exit - Ausgang”, od’r?

    Ich hätte auch lieber die Beschriftung “Toiletten” denn “WC-Center”, oder sollen wir das in “WC-Zentrum” eindeutschen?

    Mich nervt diese Anglizisterei, hat immer sowas von “Herr Lehrer ich weiß was!” Kleine Jungs wollen ihr Klippschulenglisch demonstrieren, diese Manie in Deutschland hat nichts mit Weltläufigkeit zu tun.

  3. Dann eine kleine Umfrage: in welchen deutschen Bahnhöfen steht denn nur Exit bzw. erst Exit und dann Ausgang?

    Ich fange mal an: in Hamburg (Altona und Hauptbahnhof) steht groß Ausgang, und dann kleiner Exit - Sortie. Und in Kiel, ist mir neulich aufgefallen, steht groß Ausgang und kleiner Exit - Udgang.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.