Presseschau

Am 1. August ist nicht nur das Rauchverbot in Niedersachsen, Baden-Würtemberg und Mecklenburg-Vorpommern in Kraft getreten, sondern auch die vorläufig endgültig reformierte deutsche Rechtschreibung (zumindest in Deutschland — in der Schweiz und in Österreich gelten noch Übergangsfristen).

Bei der Presse herrscht offensichtlich eine gewisse Reformmüdigkeit — das historische Datum wird insgesamt eher lakonisch hingenommen. Wenn überhaupt, dann wird ein bisschen über das angebliche Durcheinander genörgelt:

Statt klare Regeln aufzustellen und für eine Einheitlichkeit der Rechtschreibung zu sorgen, wurde der Wirrwarr zum Prinzip erhoben und kurzerhand fast jede Schreibvariante für zulässig erklärt.

Das ist nicht ganz falsch. Man darf eben nicht reformieren, wo eigentlich eine Revolution nötig wäre. Aber im Wirrwar liegt ja auch das Potenzial zur Genesung. Im Tagesspiegel beschreibt Rainer Moritz anhand der Wörter Email („elektronische Post“) und Email/Emaille („Glasur“), wie sich die Rechtschreibung selbst reguliert:

… so war es nur eine Frage der Zeit, bis die unsichtbare Hand der Sprache ans Werk ging und die Schreibung „Email“ für „Glasur“ aus dem Verkehr zog. Ist diese unbewusste Lenkung unserer Rechtschreibung nicht ein staunenswerter Vorgang? Vielleicht hätte man sich vor ein paar Jahren alle Rechtschreibkommissionen und Ministerbeschlüsse sparen und auf Selbstreinigung setzen sollen.

Es ist anzunehmen, dass die selbstreinigenden Kräfte der Schriftsprache das „Durcheinander“ alternativer Schreibweisen irgendwann beseitigen werden — falls diese Alternativen tatsächlich als so störend empfunden wird, wie die Verfechter der guten alten Rechtschreibung meinen. Wenn man der Schleswig-Holsteinischen Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave glauben darf (und warum sollte man das nicht tun), dann haben die eigentlich Betroffenen nämlich keine großen Probleme mit der Reform:

Aus den Schulen habe ich in den letzten zwei Jahren keinen einzigen Protestbrief erhalten. Wenn ich Protestbriefe bekomme, dann von den alten Reformgegnern. Unter Schülern und Eltern sind die eher nicht zu finden.

Und dann sagt sie noch etwas ganz entscheidendes:

Es wird vielleicht noch ein paar Jahre dauern, aber dann wird kein Mensch mehr merken, dass wir eine Reform hatten.

Und dann ist doch eigentlich alles wieder gut.

6 Kommentare zu „Presseschau“

  1. Ich finde das Theater um die Rechtschreibreform sowieso überflüssig. Wozu gibt es denn die automatische Rechtschreibprüfung? Oder wer schreibt heute bitte noch irgendetwas von Hand?

  2. Mich interessiert die Reform der Reform genausowenig wie die ursprüngliche Reform. Ich ignoriere sie halt, so gut ich kann. ;)

  3. Rainer Moritz mag insofern recht haben, dass Emaille (heute) häufiger für die Glasur vorkommt als Email, soweit man das bei einem doch eher seltenen Wort überhaupt sagen kann, aber E-Mail als „Duden-Vorschrift“ abzukanzeln, ist doch etwas frech und eines Germanisten unwürdig. Es gibt eine Unzahl von Substantiven aus einem Hauptwort und einem vorangestellten Buchstaben als Abkürzung für ein Adjektiv (H-Milch) oder den ersten, meist substantivischen Teil des Kompositums (U-Boot) oder auch nur als Symbol (T-Shirt). Es wäre, da das E für electronic steht, also unsystematisch, Email statt E-Mail zu schreiben, selbst wenn das heute im englischen Sprachraum die vorherrschende Schreibung sein mag.

    Davon abgesehen, ist im Prinzip ja schon immer jede Schreibung zulässig gewesen, solange sie im subjektiven Gebrauch kategorial systematisch ist, d.h. wer Obeine schreibt, dem nimmt man auch Email nicht mehr übel.
    Jeder bestimmt mit seinen Abweichungen von den kodifizierten Regeln – und niemand ist frei davon – die Weiterentwicklung der (deutschen) Schriftsprache mit. Daher wird es auch nie eine Rechtschreibrevolution geben, denn die erfordert per Definition signifikante Änderungen innerhalb eines kurzen Zeitraumes. Da aber niemand die alleinige Kontrolle über die Sprache – literal wie oral – besitzt, wie nach dem kaum als geglückt zu bezeichnenden letzten Versuch auch die meisten Politiker verstanden haben dürften, fehlt dazu eine entscheidende Grundlage. Außerdem mangelt es an der öffentlichen Wahrnehmung von groben Unzulänglichkeiten und die wäre für eine bewusste Änderung ebenfalls erforderlich oder zumindest hilfreich. (Dieses Gefühl ist in anderen Sprachgemeinschaften eher vorhanden, aber auch da bleiben große Änderungen aus, teils schon seit Jahrhunderten. Sprachen, die einer etablierten und akzeptierten institutionellen Regulierung unterstehen, sind die Ausnahme.)

    Wer sich auf die automatische Rechtschreibprüfung verlässt, hat und ist ein Problem.

  4. Wahrig und Duden sind sich einig, dass E-Mail die einizige erlaubte Schreibweise ist. Damit sind beide Wörterbücher nicht am Puls der Zeit. Eine Stichprobe von 500 deutschen Webseiten, die das Wort enthalten, ergibt folgende Liste (in absteigender Präferenz):

    1. Email 208
    2. eMail 189
    3. EMail 43
    4. email 38
    5. E-Mail 14
    6. EMAIL 4
    7. e-mail 2
    8. E-MAIL 1
    9. eMAIL 1

    Die Empfehlung der Wörterbücher landet weit abgeschlagen auf Rang 5, deutlich hinter dem vollständig kleingeschriebenen email, das ich in deutschen Texten als sehr merkwürdig empfinde. Das erstplatzierte Email entspricht auch meinem Gefühl dafür, was die „richtige“ Schreibweise ist. eMail und EMail finde ich ganz furchtbar.

    Herr Päper, ich denke, der Fall liegt bei Email anders als bei O-Beine oder H-Milch, denn Email ist eben ein Lehnwort, dessen interne Struktur sich aus deutscher Perspektive nicht unmittelbar erschließt. Anders wäre es bei der etwas gekünstelten Lehnübersetzung „E-Post“, die meinem Empfinden nach unbedingt mit Bindestrich geschrieben werden müsste.

  5. Dass Sie Email bevorzugen, sehe ich ja bereits an diesem Formular. Ich halte es weiterhin für einen Kategorienfehler – es schreibt schließlich auch niemand Ecommerce, Egovernment oder Ebusiness –, der, sollte er je allgemein akzeptiert werden, nur eine unnötige Ausnahme darstellen würde. (Sicher gibt es für solche Entwicklungen Präzedenzfälle, aber begrüßens- oder gar unterstützenswert finde ich sie nicht.)

    Ich schreibe oben zwar, dass jeder die Entwicklung der (Schrift-)Sprache mitprägt, aber das ist kein Prozess unter Gleichen. Was immer die Heise-Redaktionen oder die Deutsche Telekom bevorzugen, hat sicher mehr Gewicht als das Forum irgendeines Halflife-Klans.
    Sind die Varianten mit @ eigentlich tatsächlich endlich ausgestorben?

  6. Herr Päper, bei Ecommerce, Egovernment und Ebusiness liegt der Fall aus meiner Sicht etwas anders. Zunächst handelt es sich um Fremdwörter, während Email ein gut integriertes Lehnwort ist. Außerdem unterscheidet das „E“ hier zwischen der elektronischen und der „analogen“ Variante, während Email und Mail im Deutschen dasselbe bedeutet. von daher ließe sich argumentieren, dass das E in den von Ihnen genannten Wörtern ein eigenständiges sprachliches Element ist. Interessanterweise hält sich aber in allen drei Fällen die Schreibweise mit Bindestrich in etwa die Waage mit der Schreibweise eCommerce/eGovernment/eBusiness (mit einer leichten Mehrheit für die Bindestrich-Varianten). Ich persönlich finde übrigens auch die von Ihnen genannte Schreibweise gar nicht so schlimm, aber damit mag ich mich in der Minderheit befinden.

    Die Schreibweisen E-M@il, eM@il, Em@il, etc. sind übrigens leider noch nicht ausgestorben, ich habe nur vergessen, sie mitzuzählen. Sie machen aber alle zusammen nur ca. 1 Prozent aller Treffer aus, wir dürfen also hoffen…

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.