Schon wieder das Handy

In einem Beitrag Anfang des Monats haben wir uns mit dem Wort Handy und seiner Herkunft beschäftigt. Ein interessanter Aspekt war dabei die Behauptung auf dieser Seite von Walter Koch, dass das Wort in einem Roman der amerikanischen Autorin Rita Mae Brown vorkommt (und dort einem Engländer in den Mund gelegt wird).

Der Satz, um den es geht, ist der folgende:

‘I can and I must. Now if you would bring me the handy, I will arrange a meeting.’ She gave him the cell phone. (Rita Mae Brown, Cat on the Scent)

Da man nicht alles glauben soll, was man im Internet findet, hatte ich unsere Leser um eine Bestätigung des Zitates gebeten, am besten mit Foto.

Pia Banzhaf, die in ihrem Blog Windrose in Worten und sehr schönen Fotografien über das Leben im kalten Neufundland berichtet, hat sich dieser Bitte nun netterweise angenommen. Sie schreibt:

Seit einiger Zeit lese ich Ihre Beiträge im Bremer Sprachblog mit großem Vergnügen mit. Daher dachte ich mir, dass ich in der Ortsbibliothek für Sie mal auf die Suche nach dem oben erwähnten Buch gehen könnte. Et voilà, in einer Zweigstelle des neufundländischen Bibliothekwesens war es vorhanden und ich habe es jetzt schwarz auf weiß für Sie, dass in diesem Buch tatsächlich „handy“ steht.

Und hier sind die Fotos, die sie zum Beweis mitgeschickt hat:

Cat on the Scent -- Seite 176
Cat on the Scent -- Seite 177

Die Verwendung der Bezeichnung handy für ein Mobiltelefon durch eine englische Muttersprachlerin widerspricht zunächst allem, was wir über dieses Wort zu wissen glaubten. Ich sehe drei mögliche Erklärungen. Erstens wäre es denkbar, dass Rita Mae Brown das Wort in Deutschland gehört hat und fälschlicherweise für britisches Englisch gehalten hat. Um ihre Romanfigur besonders britsch klingen zu lassen, hat sie ihm das Wort dann in den Mund gelegt. Das wäre eine Erklärung, die zur vorherrschenden Meinung über die Herkunft des Wortes passen würde. Zweitens könnte es sein, dass Rita Mae Brown das Wort tatsächlich in Großbritannien gehört hat, dass es also zu irgendeinem Zeitpunkt in irgendeinem britischen Dialekt verwendet wurde. Und drittens ist es möglich, dass Rita Mae Brown das Wort in den USA gehört hat, dass es also dort wenigstens eine zeitlang (vielleicht regional begrenzt) vorkam.

Die Tatsache, dass das Mobiltelefon nur in der direkten Rede von H. Vane-Tempest als handy bezeichnet wird und der Erzähler unmittelbar danach das erwartbare cell phone verwendet, ist ein Hinweis darauf, dass eine der ersten beiden Theorien stimmen könnte. Bis wir das hier abschließend geklärt haben, können Sie aber auf jeden Fall etwas Verwirrung in Ihrem Bekanntenkreis stiften: wenn Sie das nächste Mal irgendein Besserwisser mit wichtiger Miene darauf hinweist, dass Handy ja gar kein englisches Wort sei, geben Sie ihm einfach Cat on the Scent zu lesen.

BROWN, Rita Mae und Sneaky Pie BROWN (1999): Cat on the Scent. New York, Bantam Books (Random House). [ISBN 0-553-09971-X]

11 Kommentare zu „Schon wieder das Handy“

  1. Ist denn schon jemand auf die wenig naheliegende Idee gekommen, die Autorin direkt zu fragen?

  2. Haha, wunderbarer Klugscheisserstoff :D

  3. Herr Päper, das ist eine gute Idee. Ich persönlich habe in meinen literaturwissenschaftlichen Seminaren zu viel Ehrfurcht vor Browns Frühwerk mitbekommen, um sie jetzt wegen des Wortes „Handy“ zu belästigen. Aber wenn jemand anders sich berufen fühlt, nachzufragen, kann er/sie sich damit hier im Bremer Sprachblog verewigen.

  4. Und jetzt kriegt die Dame wahrscheinlich ein paar Dutzend Mails zu diesem Thema… :)

  5. Willkommen zuhause, Laura! (Was ist mit deinem Blog passiert?)

  6. Das Sydneyer Blog gibt es noch, aber da ich nicht mehr in Sydney bin, machts keinen Sinn, da noch reinzuschreiben :) Das neue machte irgendwann auch keinen Sinn mehr, weil ich gemerkt habe, dass ich nur noch so wahnsinnig selten da reinschreibe… Aber ich hab die Idee noch im Hinterkopf.

  7. Es scheint die einzige Stelle zu sein, an der die Autorin das Wort so verwendet:
    http://www.amazon.com/s/ref=nb_ss_b?url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=handy+rita+mae+brown&x=0&y=0

  8. @Alexander
    Die Verwendung kann ja auch in einem anderen, “herkömmlichen” Kontext erfolgen:
    “…While not a plumber or a particularly handy fellow…”

  9. Habe mal irgendwo gelesen, dass sich das Wort an der Ostküste der USA langsam verbreite. Aber eben, man kann nicht alles glauben was im Internet steht.

  10. Hat nun eigentlich jemand die Autorin gefragt? Mich würde das Ergebnis nämlich auch interessieren.

  11. Zum Thema Verwendung in den USA:
    http://www.wired.com/wired/archive/8.09/mustread.html?pg=9
    Historischer Abriss der Entstehungsgeschichte des Wortes:
    http://www.u32.de/handy.html

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.