Statt einer Presseschau

Ich komme gerade von der International Cognitive Linguistics Conference in Krakau wieder. Dort gab es nur einen sehr sparsamen Zugang zum Internet und ich war ohnehin voll mit dem Konferenzgeschehen beschäftigt, so dass das Bremer Sprachblog eine Zwanspause einlegen musste.

Die Konferenz war extrem anregend und hat meine vom Endsemesterstress gedrückte schlechte Laune vollständig weggeblasen. Allerdings habe ich seit einer durchgemachten Donnerstagnacht mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über der Karmelicka in der Krakauer Innenstadt nicht sehr viel geschlafen. Ich bin deshalb zu milde gestimmt und viel zu müde, um mich auf die Suche nach kommentierungswürdigen Pressestimmen zu machen.

Stattdessen möchte ich unter dem frischen Eindruck des Gedankenaustausches mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt einen kurzen Artikel aufgreifen, in dem der „Verein deutsche Sprache“ in seinen „Sprachnachrichten“ vom letzen Monat sein Unverständnis bezüglich der Funktion von Sprache, dem freien Austausch von Ideen in der Wissenschaft und den grundlegenden Regeln internationaler Gastfreundschaft mit den Lesern geteilt hat.

Unter dem Titel „Auch Linguisten verschmähen ihre Muttersprache“ ereifert sich dort ein ungenannter Autor über die diesjährige Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) folgendermaßen (ich zitiere in der veralteten deutschen Rechtschreibung, die der VdS vermutlich noch die nächsten hundert Jahre verwenden wird):

Beim Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft Ende Februar 2007 in Siegen hatten 11 der 13 Arbeitsgruppen einen englischen Titel (ohne deutschen Untertitel), zwei einen deutschen. In neun Arbeitsgruppen wurden nur englische Vorträge gehalten — Zufall oder Zwang? Von 180 Vorträgen wurden 152 auf englisch, 28 auf deutsch gehalten. Das sind gerade einmal 15 Prozent. Die sprachliche Qualität dieser Vorträge war teilweise verheerend. Das hat mitunter auch auf ihre fachliche Qualität abgefärbt.

Zunächst: ich bezweifle, dass der VdS jemanden vor Ort hatte, der die sprachliche Qualität von englischen Vorträgen beurteilen könnte (von der fachlichen Qualität ganz zu schweigen). Aber sagen wir einmal, es sei tatsächlich so gewesen. Was wäre dann die Alternative? Der VdS sagt es in dem Artikel nicht geradeheraus, aber es ist klar, was gemeint ist: auf Konferenzen in Deutschland hat man gefälligst Deutsch zu sprechen.

Nun wird die Jahrestagung der DGfS zwar von einer deutschen Organisation organisiert, es handelt sich aber trotzdem um eine internationale Tagung. Das hätte dem Schreiber des zitierten Artikels auffallen können, wenn er sich weniger auf die Sprache und mehr auf die Sprecher konzentiert hätte: neben den Mitgliedern der DGfS kommen Vortragende aus der ganzen Welt auf die Tagung um Ideen auszutauschen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass das hervorragende internationale Ansehen der deutschen Sprachwissenschaften zu einem guten Teil durch diese Tagung geprägt ist.

Natürlich könnten die deutschen Mitglieder der DGfS ihre Vorträge auf Deutsch halten. Dann könnten Sie sich gegenseitig wunderbar verstehen und gegenseitig auf die Schulter klopfen. Es geht ihnen aber um etwas anderes: sie wollen ihre Ideen einer möglichst breiten Fachöffentlichkeit vorstellen um sie dann in einem offenen Diskussionsprozess weiterzuentwickeln. Umgekehrt möchten sie die Ideen möglichst vieler Fachkollegen aus aller Welt hören und diskutieren. Diese Kollegen sprechen aber nun einmal zum größten Teil kein Deutsch, man würde sie also ausschließen und ständig im eigenen Saft kochen (die Kollegen aus Frankreich machen das übrigens glänzend vor und werden dementsprechend selten wahrgenommen oder gar zitiert).

Wenn die sprachliche Qualität von Vorträgen deutscher Wissenschaftler tatsächlich so verheerend wäre, wie der VdS glaubt, gäbe es nur eine Lösung: deutsche Wissenschaftler müssten besser Englisch lernen. Es wäre deshalb für den internationalen Einfluss deutscher Wissenschaftler förderlich, wenn in jedem Fachbereich ein bestimmter Anteil aller Lehrveranstaltungen in englischer Sprache abgehalten würde. Dann könnten wir die ärgerlichen 15 Prozent der Vorträge, die auf der DGfS noch in deutscher Sprache abgehalten wurden, weiter reduzieren und die Ideen der betreffenden Wissenschaftler verstärkt der Weltöffentlichkeit zugänglich machen.

Die Vereinszeitschrift des VDS sollte dagegen weiterhin auf Deutsch erscheinen. Dann verstehen internationale Kollegen nicht, was darin steht, und uns deutschen Wissenschaftlern bleiben peinliche Erklärungsversuche für das Segregationsdenken der Sprachbewahrer erspart.

12 Kommentare zu „Statt einer Presseschau“

  1. Dass universitäre Lehre und Forschung in der Sprache des Volkes, welches diese Wissenschaft u.a. finanziert, stattfindet, ist historisch gesehen keine Selbstverständlichkeit. Die Verwirklichung dieses Zustandes wird deswegen als wichtiges nationales Symbol gesehen – die Begriffe von Nation oder Volk sind schließlich eng mit dem der Sprachgemeinschaft verbunden.

    Man kann zu solchen Zusammengehörigkeitsgefühlen stehen wie man mag, denn nur bis zu einem gewissen Grad sind sie zum Überleben des Einzelnen wie der Menschheit notwendig, aber wer sich einer solchen Gruppe zugehörig – d.h. zugehöriger als zur Gesamtmenschheit – fühlt, die z.B. knapp Hundertmillionen native Sprecher mit einer potenten Wirtschaft verknüpft, dem liegt es nahe, etwas derartiges nicht ohne guten Grund aufgeben zu wollen. Die logische Konsequenz daraus, dass Wirt- und Wissenschaft weitgehend globalisiert sind und sich dazu einer einzigen Sprache bedienen, ist, dass deren Muttersprachler über einen großen Vorteil verfügen, den man bestenfalls durch höhere Kompetenzen auf anderem Gebiet ausgleichen kann. Ansonsten bleibt eigentlich nur die Aufgabe der eigenen Sprache und damit eines wichtigen, vermutlich des wichtigsten Teils der Identität. (Mal davon abgesehen, dass Englisch objektiv bestimmt nicht die beste Wahl für eine Lingua Franca/Omnia ist, Deutsch aber auch nicht.) Dazu sind aber die wenigsten bereit. So sind sie dazu verdammt, dass sich ihr Abstand zu den Eliten vergrößert und die Aufstiegsmöglichkeiten schwinden.

    Globalisierungsskepsis, bei der Globalisierung oft kaum von Amerikanisierung getrennt betrachtet werden kann, ist kein Zufall, sondern Anzeichen einer Identitätskrise oder zumindest der Angst vor einer solchen, und Anglizismen- bzw. Anglisierungskritik ist im Grunde nur eine Ausprägung davon. Da hilft es nicht im geringsten, dass man international betrachtet wegen der Sozialstruktur ökonomisch trotzdem zu den Gewinnern zählt.

  2. Herr Päper, Sie haben — wie immer — grundsätzlich Recht. Die Einführung der muttersprachlichen universitäre Lehre war sicher ein wichtiges Symbol nationalen Selbstverständnisses (und natürlich ein wichtiger Schritt zu einer Öffnung der Universitäten für (etwas) weitere Teile der Bevölkerung). Aber mir scheint, dass diese Einführung in eine Zeit fiel, in der die Nationalstaaten sich als primäre Organisationsform menschlichen Zusammenlebens herausbildeten. Nun leben wir in einer Zeit, in dem unser Zusammenleben zunehmend durch eine globalisierte Wirtschaft organisiert wird. Weder das Aufkommen der Nationalstaaten noch die Globalisierung müssen einem gefallen (mir gefällt letztere immer noch besser als ersteres), aber es sind historische Tatsachen, denen man sich nicht entziehen kann, ohne zum Einsiedler zu werden. Also scheint es mir besser, offensiv und gestaltend daran teilzunehmen und das erfordert eine hohe Kompetenz bezüglich der „dominanten“ Sprache. In unserer Zeit ist das eben das Englische, ob es nun die beste Wahl ist oder nicht. Also sollten wir doch alle darauf hinarbeiten, dass unsere Jugend so gut Englisch lernt, wie nur möglich. Wenn eine englischsprachige Hochschullehre dazu beitragen kann, dann bin ich dafür (obwohl ich eine solche eigentlich gar nicht gefordert hatte — Ihre Überlegungen haben mich da irgendwie radikalisiert). Die Beherrschung der englischen Sprache ist ja keine Geheimwissenschaft — sie steht jedem offen. Natürlich könnten wir uns auch auf das Deutsche zurückziehen. Mit 100 Millionen Muttersprachlern haben wir da sicher eine gute Ausgangsbasis und es würde uns vermutlich auch gelingen, ein paar wirtschaftlich und kulturell von uns abhängige Gesellschaften zu einer vermehrten Verwendung der deutschen Sprache zu zwingen. Aber dem freien Austausch von Ideen wäre damit wohl nicht gedient und besonders nett wäre es auch nicht…

  3. Wenn allerdings an einer deutschen Hochschule deutsche Dozenten deutschen Studenten etwas auf Englisch beibringen sollen oder wollen, so wirkt das nicht nur auf den ersten Blick seltsam, sondern gleichsam ineffizient, denn alle Kommunikation, die nicht in der Mutter- und Alltagssprache abläuft kann nicht das volle Potential der Sprache ausschöpfen. Dass das (orale) Englisch mancher Professoren (und Studenten) schrecklich ist, ist dabei nur ein wenig bedeutender, zumal tendentiell temporärer Faktor.

    Auf den zweiten Blick ist es vielleicht wirklich das notwendige Übel, um für die Zeit nach dem Studium gerüstet zu sein, obgleich nicht für jeden. Nur sehe ich die Gefahr, dass die Distanz zu denen wächst, die für ihren Alltag mit Deutsch auskommen oder auszukommen glauben. So kommt es zur Elitenbildung im negativen Sinne. Dem kann ein (unbestritten nötiger) besserer Sprachunterricht nur bedingt entgegenwirken, denn der erfordert die Einsicht der Notwendigkeit.
    Daneben gibt es die Gruppe der Immigranten, denen effektiv die Beherrschung separater Familien-, (ggf. Religions-,) Behörden- und Berufssprachen abverlangt wird (und nur selten ist die zweite gymnasiale Pflichtfremdsprache schon darunter).

    Ich kann durchaus diejenigen verstehen, die bei der ersten Sichtweise hängenbleiben. Ich möchte auch nicht öfter auf meine Muttersprache verzichten als unbedingt nötig und auch nicht übereilt, denn ich bin Teil der Kultur, in die ich zufällig hineingeboren wurde, und sie ist Teil von mir. Aber selbst wenn man sich zulasten seiner Erstsprache einer anderen zuwendet, wird man die doch nie gut genug beherrschen, um wirklich chancengleich zu deren Muttersprachlern zu sein (vgl. auch Einstellungspraxis in EU-Institutionen). Insofern ist es doch eine Geheimwissenschaft. Das einzig motivierende bzw. relativierende ist, dass auch die ihre Probleme mit Texten haben, die nicht von eingeborenen Sprachgenossen stammen. Zur Kompensation bin ich der Idee von seelenlosen, standardisierten Fachsprachen auf Basis des Englischen durchaus nicht abgeneigt, insbesondere was die Experten-Laien-Kommunikation angeht.

    Ich bitte um Verzeihung für die vielleicht nicht ganz stringente Logik und Syntax, es ist spät.

  4. Hihi, hallo Herr Stefanowitsch,

    “Also scheint es mir besser, offensiv und gestaltend daran teilzunehmen und das erfordert eine hohe Kompetenz bezüglich der „dominanten“ Sprache. In unserer Zeit ist das eben das Englische, ob es nun die beste Wahl ist oder nicht. Also sollten wir doch alle darauf hinarbeiten, dass unsere Jugend so gut Englisch lernt, wie nur möglich.”

    Die Botschaft hör ich wohl,
    allein mir fehlt der Glaube.

    Die hier haben ja nicht gerade wenige Tonträger verkauft, auch im Ausland ;-)

    http://www.spreeblick.com/2007/07/26/rockn-roll-will-never-dead/

    Da lausche ich dann aber doch lieber den lyrischen Texten Frau Judith Holoferness von “Wir sind Helden”

    Ich hoffe mein Beitrag ist nicht zu sehr o. T.

    Pax

  5. Corax, bei Judith Holofernes sind wir einer Meinung. Wenn jemand einen Beweis dafür sucht, dass die deutsche Sprache quicklebendig ist, bei den Helden findet er ihn (im Moment höre ich allerdings gerade Icke & Er, nicht ganz so lyrisch aber trotzdem cool). Aber die Scorpions sollten uns doch tatsächlich Mut machen. Wenn die einen Text wie „Wind of Change“ auf Platz 2 der UK Singles Charts und auf Platz 3 der US Billboard Hot 100 kriegen, dann wird es deutschen Wissenschaftlern doch wohl gelingen, aufmerksame Zuhörer für ihre in „verheerendem“ Englisch gehaltenen Vorträge zu finden…

  6. Icke & Er, ist das Ihr ernst? Ich verstehe diese Musik nicht wirklich und kann auch die Ironie(?) des Ganzen nicht wirklich entdecken…

  7. Nadine, vielleicht habe ich da als gebürtiger Berlin-Neuköllner einfach einen anderen Zugang ;-) (obwohl die beiden ja angeblich gar keine Berliner sein sollen…).

  8. Herr Stefanowitsch, vielleicht liegt es daran. Allerdings würde mich interessieren, was das Interesse ausmacht, denn ich finde auch deren Umgang mit Sprache nicht sonderlich originell (und Sprache macht doch diese Art von Musik aus, oder?), vielleicht liegt es ja daran, dass ich mich generell nicht für Hip Hop begeistern kann…

  9. Da kann ich nur mit Konfuzius sagen: Was wäre diese Welt, wennes keine Arschkriecher und Schleimer gäbe.
    Beste Grüße W. Krämer

  10. @Stefanowitsch: “Die Vereinszeitschrift des VdS sollte dagegen weiterhin auf Deutsch erscheinen. Dann verstehen internationale Kollegen nicht, was darin steht, und uns deutschen Wissenschaftlern bleiben peinliche Erklärungsversuche für das Segregationsdenken der Sprachbewahrer erspart.”

    Eine Petitesse vorweg: der Verein Deutsche Sprache kürzt sich VDS ab. VdS nennt sich u.a. der Verband deutscher Schulbuchverleger.

    Um Stefanowitschs Ausführungen folgen können, habe ich eigens einige Nummern ( http://vds-ev.de/verein/sprachnachrichten/ ) heruntergeladen. Es handelt sich eindeutig, wie Stefanowitsch richtig anmerkt, um eine Mitgliederzeitschrift, nicht um ein linguistisches Fachblatt. Jetzt bin ich baff!

    Warum in aller Welt sollte ein deutscher Sprachverein für seine deutschsprachigen Mitglieder eine Zeitschrift auch auf Englisch herausgeben? Warum sollte der mitgliederfinanzierte VDS seinen Mitgliedern zumuten, die beträchtlichen Kosten für Übersetzungen aufzubringen? Interessierte “internationale Kollegen” (ausländische Germanisten?) mögen gefälligst ihre Deutschkenntnisse zusammenkratzen, wenn sie erfahren wollen, welche Positionen der mitgliederstärkste deutsche (und europäische) Sprachverein vertritt. Und dem VDS bleiben peinliche Erklärungsversuche für die Selbstverständlichkeit erspart, dass er für seine Mitglieder und Mitleser deutschsprachige “Sprachnachrichten” herausgibt.

  11. Sprachwachtel, wenn ich mir Ihre Spuren im Internet ansehe, und wie Sie überall den VdS und seine Positionen verteidigen, kann ich mir kaum vorstellen, dass Sie sich die Vereinszeitschrift erst auf mein Posting hin heruntergeladen haben. Ich vermute eher, dass Sie die ohnehin regelmäßig beziehen. Dass VdS-Mitglieder mit Ironie häufig nicht so gut umgehen können, habe ich schon häufiger feststellen können. Wenn das aber im vorliegenden Fall dazu führt, dass wir uns einig sind, dass die „Sprachnachrichten“ (wenn überhaupt) nur auf Deutsch erscheinen sollten, dann ist das doch eine schöne Sache.

    Nadine, das ist ein bisschen wie bei Witzen: wenn man sie erklären will, zerstört man sie damit (das ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich kein Literaturwissenschaftler geworden bin). Das ist eben auch eine Geschmacksfrage. Aber sagen wir es mal so: Icke & Ers „Richtig Geil“ ist die beste Beschreibung einer buddhistischen Lebenseinstellung, die ich seit langem gehört habe, und „Keen Hawai“ deckt sich hundertprozentig mit meiner Einstellung zum Thema Urlaub.

  12. Zu dem “verheerenden Englisch” fällt mir regelmäßig der Oberbürgermeister ein, der zur Eröffnung (oder war’s zum Schluss?) der DGfS 2000 plenar die Auffassung vertrat: “Se langwidge of gudd syans is bad English”. Und, ja… da mag ich ihm doch nicht wiedersprechen. (Aber vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich an zwischensprachlichen Interferenzen arbeite. ;) )

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.