Presseschau

„Für mich ist das Sprechen ein Sport und der Zungenbrecher das Turngerät“, zitiert der Focus den Wetten-Dass-Kandidaten Georg Winter. Der Mann ist auf einer Mission: er will jungen Menschen das Sprechen beibringen. Denn

[d]ie jugendliche Umgangssprache ist meist alles andere als deutlich: Nuscheln ist cool – und nicht nur das, gerne lassen die Teenager auch mal ganze Wörter weg oder sprechen sie nur in Teilen aus: „Hey Mann, geh’n wir Bahnhof?“ heißt es dann. Um diese sprachlichen Verhunzungen einzugrenzen will Winter den sportlichen Ehrgeiz der Kinder wecken. „Stimmbänder sind genau wie der Bizeps Muskeln, die trainiert werden können,“ meint der Hamburger. Er ist überzeugt, dass das „Sprechen“ an deutschen Schulen systematisch vernachlässigt wird.

Also nur ganz kurz: Zungenbrecher trainieren die Stimmbänder kein bisschen mehr als das Genuschel der jugendlichen Sprachverhunzer. Die Stimmbänder sorgen nur für das Geräusch, aus dem die Artikulationsorgane — Zunge, Lippen, Gaumen, Zähne — dann die Sprache machen. Ob die jungen Menschen überhaupt nuscheln, sei dahingestellt: der Eindruck, dass das Gegenüber nuschelt, hängt häufig eher mit den eigenen Hörgewohnheiten zusammen als mit der Aussprache des anderen. Dass die Jugendlichen — angeblich — ganze Wörter weglassen, hat mit der ganzen Sache natürlich überhaupt nichts zu tun. Aber wir wollen uns nicht mit linguistischen Feinheiten aufhalten, denn in Wirklichkeit geht es um viel mehr — Zungenbrecher bilden den Charakter:

[Winter] selbst ist davon überzeugt, dass die Übungen die Kinder nicht nur im schnellen, ausdrucksstarken Sprechen unterstützen können, sondern auch das Selbstbewusstsein stärken und den Hang zur Aggressivität senken. „Denn wer sich nicht richtig ausdrücken kann, bei dem rutscht die Energie gerne mal vom Mund in die Faust!“

Das klingt doch logisch. Ich schlage deshalb das hier als eine Art Programm zur weltweiten Friedenssicherung vor.

Selbstbewusstsein werden eines Tages auch die armen Kinder brauchen, deren Eltern ihnen heute mit dem Namen gleich eine ganze Karriere mit auf den Weg geben wollen. Der Stern berichtet:

Seit die Stars in Hollywood ein Hobby daraus machten, ihren Kindern immer exotischere und ausgefallenere Namen zu geben, wuchs der Druck bei amerikanischen Eltern.
[…]
Die Träume und Ambitionen der Eltern für die Zukunft des Kindes spielen dabei nicht selten eine große Rolle: Der Name seines Sohnes müsse später gut auf einem politischen Spruchband oder einem Kinoplakat aussehen, erklärte ein Vater in Las Vegas und nannte den Kleinen Jackson Dean Bentham.

Wer kann ganz schnell zwanzig Mal nacheinander „Jackson Dean Bentham“ sagen?

Ein Kommentar zu „Presseschau“

  1. Die Sprache formt den Sprechapparat - also Kehlkopf, Zunge, Formanten usw.. Wenn die Migrantin aus Russland beim Bäcker ihre ‘Brötchen’ bestellt, obwohl sie eigentlich grammatisch ganz korrekt das Deutsche beherrscht, dann verlangt sie immer noch ‘Brotschen’. Und ein Deutscher in den USA, der spricht mit einem ‘Zungenhalt’ vor jedem Wort, was sein Englisch einem ‘native’ als abgehackt erscheinen lässt. Das wäre dann der berühmte ‘German accent’ des Feldwebel Schultz in ‘Hogan’s Heroes’. Unser Sprechapparat ist irgendwann auf eine bestimmte Aussprache konditioniert und löst sich von diesen Mustern nur sehr schwer - wenn überhaupt. Ähnlich könnte es doch auch mit dieser ‘Kanakspraak’ (ein Ausdruck von Feridun Zaimoglu)sein …

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.