Happy Hour

Die „Aktion Lebendiges Deutsch“ bittet jeden Monat um Vorschläge zur Ersetzung von Lehnwörtern durch Wörter mit anstandslos deutschem Stammbaum. Natürlich sind die Wörter des Anstoßes ausschließlich englischer Herkunft, aber trotzdem kommt die Aktion etwas weniger aufgeregt daher als viele andere Sprachbewahrer. So kann ich mir immer wieder einreden, dass die Aktion beinahe ein Beispiel für einen „guten“ sprachnormativen Diskurs abgeben könnte. Aber diese Illusion wird jedes Mal durch die völlige Inkompetenz zunichte gemacht, die die Juroren der Aktion zeigen, wenn am Monatsende die besten Vorschläge gekürt werden. So auch dieses Mal:

Auf das Suchwort des Vormonats, happy hour, gingen 619 Vorschläge ein. Die Jury hat sich für den häufigsten, Blaue Stunde, entschieden.

Zuerst konnte ich es nicht fassen. Dann wollte ich es bloggen. Dann dachte ich, dass ich es lieber bleiben lassen sollte. Und dann lese ich beim Wortistiker, dass er, obwohl offensichtlich genauso fassungslos wie ich, es ebenfalls lieber sein lässt. Also schreibe ich doch kurz etwas dazu.

Die Entscheidung der Juroren zeigt nämlich einen häufigen Denkfehler der Anglizismenjäger. Ich stelle mir den inneren Monolog, der diesen Denkfehler einleitet, ungefähr so vor: „Hier ist ein englisches Wort, das ich ausmerzen möchte. Hm, was mache ich da bloß? Ich könnte ja überlegen, was das Wort bedeutet und dann von der Bedeutung her ein deutsches Wort ableiten… Oder nein, viel besser! Ich nehme einfach irgendein deutsches Wort, das mich oberflächlich an den verhassten Anglizismus erinnert. Wie wäre es denn mit…“ — ja, und dann geschieht das Unglück.

Also. Die Happy Hour war ursprünglich die Stunde nach Geschäftsschluss in der Londoner City, in der die Pubs versuchten, die arbeitende Bevölkerung mit Preisnachlässen vor der Heimfahrt noch zur Einkehr zu bewegen. Inzwischen heißt jede beliebige Preis-Lass-Nach-Aktion „Happy Hour“, und im deutschen Sprachraum scheinen es manche auch mit der Bedeutung „Umtrunk“ oder sogar „Tag der offenen Tür“ zu verwenden. Die Happy Hour dürfte ihren Namen vom kollektiven alkohol- oder kauflustinduzierten Glücksgefühl haben, das sich bei zwei geistigen Getränken zum Preis von einem oder kiloweise erstandenen Tennissocken vom Grabbeltisch schnell einstellt. Nun könnte man für so etwas sicher ohne große Mühe ein deutsches Wort finden (der Wortistiker hat das auch schon längst getan).

Blaue Stunde ist dagegen, wie es die Wikipedia einmal mehr treffend ausdrückt, „ein poetischer Begriff für die Zeit der Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und nächtlicher Dunkelheit sowie für die Zeit kurz vor Sonnenaufgang“ — eine stille, nach innen gekehrte Zeit also. Nicht unbedingt inkompatibel mit dem Genuß von Alkohol, aber eindeutig ohne das lautstarke Glücksgefühl.

Indem man dieses Wort nun auf Billigpreisaktionen ausdeht, tut man der deutschen Sprache keinen Gefallen. Mit Happy Hour, oder von mir aus auch mit des Wortistikers Schnäppchenstündchen, hat die deutsche Sprache ein klar definiertes und unmissverständliches Wort hinzugewonnen. Mit Blaue Stunde müsste sie einen klangvollen und wunderbar teutonisch-melancholischen Begriff dem schnöden Kommerz opfern und man wäre gezwungen, sich auf die Suche nach einem neuen Ausdruck für die Dämmerstunden machen. Obwohl — ich wüsste schon einen.

2 Kommentare zu „Happy Hour“

  1. Genau meine Meinung! Der häufigste eingegangene Begriff war übrigens nicht die “Blaue Stunde” (38 Stimmen), sondern die “Sparstunde” (40 Stimmen). Die hätte es meiner Meinung nach viel besser getan (wenn es denn unbedingt sein muss). Eigentlich ist die “Happy Hour” gar nicht so übel, finde ich. Das nächste gesuchte deutsche Wort ist eines für “factory outlet”. Einmal dürfen Sie raten, was dabei heraus kommt …

  2. Oh, Schnäppchenstündchen, wie hübsch! Und nach ein paar Schnäpschen auch ein Zungenbrecher, also der Sprachkompetenz förderlich (siehe Presseschau von 14.7.), nette Dialektik. Für Verramschungsaktionen fast zu sympathisch, das Wort, ich würde sofort willenlos einkaufen, wenn irgendwo Schnäppchen im Schnäppchenstündchen feilgeboten würden. Und sofort einkehren in die Kneipe, die diese annoncierte. Aber die vorgeschlagene Bedeutungsveränderung der Sprachretter für die Blaue Stunde ist eine viel schlimmere Verhunzung als jegliche happy hour, weil man sie nicht erkennt (ist ja schließlich ein deutsches Wort, also alles in Ordnung) und nur irgendwann die ursprüngliche schöne Bedeutung vergessen hat und nur noch Ramsch oder Suff (blau, höhö) assoziiert.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.