Woher kommt das Handy?

Sowohl Spiegel Online als auch das Wörterblog haben sich in der letzten Woche mit dem Wort Handy und seiner Herkunft beschäftigt. Klaus Jarchow warnt im Wörterblog ganz allgemein vor diesem falschen Freund, der wie ein englisches Wort aussieht, tatsächlich aber eine deutsche Schöpfung zu sein scheint.

Dietmar Pieper auf Spiegel Online geht der Frage nach, woher das Wort eigentlich stammt. Wie er richtig feststellt, weiß das nämlich niemand so genau. Er nennt zwei der gängigen Theorien: erstens, dass ein Mitarbeiter der Telekom diesen Begriff erfunden habe, und zweitens, dass es sich um eine Kurzform des Wortes handie-talkie (eine Bezeichnung für Funkgeräte, die aus den 1940er Jahren stammt) handeln könnte. Beide Theorien sind unwahrscheinlich. Für die erste gibt es nämlich kein einziges Dokument, das sie stützen würde — die Telekom nannte das erste von ihr angebotene Handy damals „Pocky“. Gegen die zweite spricht, dass der Begriff handie-talkie kaum weit genug verbreitet gewesen sein dürfte, um als Vorbild zu dienen.

Woher kommt der Begriff also tatsächlich? Beim recherchieren bin ich über den Wikipediaeintrag zu Mobiltelefon auf diese Seite gelangt, die eine beeindruckende Menge an Informationen aus Newsgroupdiskussionen, Handbüchern, Wörterbüchern und diversen anderen Quellen zusammenträgt.

Diese Informationen zeigen vor allem, dass die Datenlage sehr komplex ist. Schon früh gab es einzelne Handymodelle verschiedener Firmen, die im Produktnamen das Wort Handy verwendet haben. Außerdem gab es in der Frühzeit der Mobiltelefonie eine Reihe von Bezeichnungen, die als Vorlage für eine Kurzform „Handy“ hätten dienen können — Handheld(-Telefon), Handgerät und Handfunktelefon. In den USA soll es auch den Begriff handphone gegeben haben.

Wenn ich raten müsste, würde ich vermuten, dass einer oder mehrere der erwähnten Produktnamen Pate für den Einzug des Wortes Handy in den allgemeinen Sprachgebrauch gestanden haben. Diese Verallgemeinerung von Produktnamen ist ein immer wieder zu beobachtender Prozess: wer um ein Tempo bittet, meint damit ein Taschentuch, egal welcher Marke, wer von Q-Tips spricht, meint wahrscheinlich nur ganz allgemein Wattestäbchen, und wer etwas mit Tesafilm kleben will, wird sich auch mit Klebestreifen anderer Hersteller zufrieden geben. Im Englischen spricht man vom hoovering und vom xeroxing auch wenn man dazu Geräte der Konkurrenz verwendet. Die betroffenen Firmen müssen übrigens alles unternehmen, um eine solche Verallgemeinerung ihrer Markennamen zu verhindern, da sie sonst den Markenschutz verlieren. Deshalb hat Google beispielsweise gegen den Eintrag des Verbs googlen in verschiedenen englischsprachigen Wörterbüchern und im Duden geklagt.

Mich würde nun interessieren, ob irgendeiner der sprach- und kulturbewanderten Leser dieses Blogs verbriefte Informationen über Produktnamen mit dem Bestandteil Handy hat. Die oben erwähnte Seite erwähnt, dass Bosch und Hagenuk in den frühen neunziger Jahren solche Produktbezeichnungen verwendeten, macht aber keine genaueren Angaben. Vor allem würde mich interessieren, ob es auch in englischsprachigen Märkten solche Produktbezeichnungen gab.

Außerdem findet sich auf der genannten Seite die Behauptung, das Wort Handy sei möglicherweise dabei, den englischen Sprachraum zu erobern. Belegt wird das mit dem folgenden Zitat aus dem Roman Cat on the Scent (von Rita Mae Brown und ihrer Katze Sneaky Pie Brown, ersch. 1999):

‘I can and I must. Now if you would bring me the handy, I will arrange a meeting.’ She gave him the cell phone.

Falls jemand dieses Buch besitzt, wäre ich für eine Bestätigung dieses Zitats dankbar, am besten mit einem Scan oder Foto des entsprechenden Absatzes (das Zitat soll sich auf Seite 175 der Taschenbuchausgabe finden). Außerdem würde ich mich über weitere Belege des Wortes aus dem englischen Sprachraum freuen.

8 Kommentare zu „Woher kommt das Handy?“

  1. Also, “Handyphone” verbinde ich mit Asien. In Japan gibt es seit 1995 ein “Personal Handyphone System” (eine Art Mischung aus Handy und schnurlosem Telefon für zuhause). In den USA habe ich das Wort “Handyphone” noch nie gehört, aber ich war auch erst 2002 zum ersten Mal dort.

  2. Spiegel Online hat vor einiger Zeit mal behauptet, dass das Wort “Handy” sich auch in den USA verbreitet (Ein Wort macht US-Karriere). Als Beleg wird angegeben: “Im ‘Business Week’-Forum wird ‘Handy’ jedenfalls von zahlreichen Lesern als Wortalternative befürwortet, ohne dass die deutsche Kreation im Artikel erwähnt worden wäre.” Ich habe das mal überprüft: in den Business-Week-Foren findet sich keine einzige Verwendung des Wortes “Handy” im Sinne von “Mobiltelefon”. Und selbst wenn: das Business-Week-Forum wird bestimmt auch von Deutschen besucht. Ich habe selbst einige Jahre in den USA gelebt und habe nur genau einmal jemanden ein Mobiltelefon als “Handy” bezeichnen hören — und zwar die zweisprachig aufwachsende Tochter einer österreichischen Kollegin.

  3. Der (bemerkenswert schwache) Spiegel-Online-Text resigniert vor der Frage, wie denn die wortistische Übertragung von Motorolas Handie-Talkie aus den 40ern auf das deutsche Mobiltelefon Ende der 80er passiert sein soll.
    Als ich mich mit diesem Wort in der Wortistik beschäftigte, http://taz.de/blogs/wortistik/2006/10/19/handy/ lieferte Leser Kaishakunin die Antwort darauf: über Funk: “Für die CB-Geräte in Autos oder den stationären echten Funken bürgerte sich die Bez. Handy für das Handmikro ein (wurde tlw. auch Mike genannt). Von da schaffte es den Durchbruch als Bezeichnung für das Mobiltelefon, denn die ersten Handys sahen aus wie Funkgeräte anno 1945.”
    Einen Beleg für diese These liefert eine Anzeige für ein Handy von 1986, die ich in meinem Beitrag fälschlicherweise als Mobiltelefon-Anzeige angesehen hatte - es handelte sich um die Anzeige für ein Funkgerät. http://www.u32.de/handy86.jpg

  4. Herr Guertler, vielen Dank für den Hinweis. Ich empfehle allen Interessierten, den von Ihnen verlinkten Artikel und die Kommentare zu lesen. Ich bin nun auch überzeugt, dass das Funkgerät bei der Namensgebung eine Rolle gespielt haben muss. Allerdings vermute ich nach wie vor, dass Produktnamen früher Mobiltelefone für die Verbreitung des Begriffs verantwortlich gewesen sein dürften. Ich verfolge die Sache weiter…

  5. Hallo !!!
    Die Bezeichung Handy Auch als kurzform fuer Handyphone umschreibt oder besser umschrieb mehr das Walkie- Talkie sprich das Handfunkgeraet Zb auch im Amateurfunk durchaus ueblich und gebraeuchlich . Aber auch in den Staaten regional. von daher erscheint mir die 2. these durchaus glaubhaft. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher welche Firma damals die Bez. als erstes benutzt hat.

    Mit Freundlichen Gruss FKF

  6. Schade, ich hatte gehofft,eine simple,klare Erklaerung fuer dieses wort zu finden.Hier, in Canada, wird “handy” nur als Adjektiv benutzt. Ich habe es noch nie als Synonym fuer ” cell phone” oder “portable” in Druck gesehen oder in Sprache
    gehoert.
    Doch schon ist die naechste falsche Bezeichnung im Deutschen Sprachraum: “Beamer” anstatt “Video projector”, die gebraeuchliche, und einzige, Bezeichnung fuer dieses Geraet hierzulande.

  7. Doch schon ist die naechste falsche Bezeichnung im Deutschen Sprachraum: “Beamer” anstatt “Video projector”, die gebraeuchliche, und einzige, Bezeichnung fuer dieses Geraet hierzulande.

    Schön für dein Land, aber in meinem (oder besser: in meiner Muttersprache) heißt das Ding halt “Beamer” und “video projector” heißt gar nix. :P

    Um’s etwas sachlicher zu formulieren: Von Falschheit zu reden, ergibt hier keinen Sinn. Eher muss man sich fragen, wie es eben kommt, dass das Deutsche ein offensichtliches Lehnwort aus dem Englischen für etwas verwendet, das auf Englisch eigentlich ganz anders heißt. Was die Antwort auf die Frage ist, weiß ich aber nicht.

  8. Schön für dein Land, aber in meinem (oder besser: in meiner Muttersprache) heißt das Ding halt “Beamer” und “video projector” heißt gar nix.

    Haha. Sehr schöne Antwort! Ich wüsste auch nicht, warum einen Beamer stören sollte. Auf Niederländisch kann man das übrigens auch sagen. Ich meine, es hätte hier aber schonmal eine Diskussion dazu gegeben, will mich jetzt also nicht unnötig wiederholen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.