Presseschau

Vor ein paar Wochen haben wir uns mit der „Bibel in gerechter Sprache“ beschäftigt, die beim Übersetzen gleich eine moderne Geschlechtergerechtigkeit in den Originaltext hineindichtet. Ich habe meine Meinung geäußert, dass es „die Aufgabe des Übersetzers [ist], einen zielsprachlichen Text zu schaffen, der den Inhalt des Originals möglichst genau wiedergibt“. Das hat man im Vatikan wohl zum Anlass genommen, über die Übersetzungsproblematik noch einmal grundsätzlich nachzudenken, und dabei hat man zu einer radikalen Lösung gefunden: die Messe, die seit 1969 nur noch in einer modernisierten Übersetzung gelesen werden durfte, kann jetzt — wenn die Gläubigen es wünschen — auch wieder im lateinischen Original zelebriert werden. Die Katholischen Nachrichten sind erleichtert, dass mit dieser Bekanntgabe andere Spekulationen vom Tisch sind:

Meldungen vergangener Wochen, der Vatikan habe das Fegefeuer abgeschafft oder Papst plane ein neues Mariendogma, zeugten vom nicht immer zureichenden Sachverstand in Nachrichtenredaktionen.

Gut, das Fegefeuer gibt es also noch. Aber wenigstens verstehen wir den Priester nicht mehr, wenn er uns davon erzählt.

Aber das Eintauchen in Originaltexte kann manchmal auch sehr erhellend sein. Das finden laut net-tribune.de jedenfalls in Stockholm stationierte Diplomaten:

Abba ist out, die singenden Botschafter sind der letzte Schrei in Schwedens Hauptstadt Stockholm. Diplomaten aus aller Herren Länder treffen sich regelmäßig zum Schmettern schwedischer Volkslieder - das beste Mittel, um die Seele der Schweden zu verstehen, versichert der Chor-Gründer und Botschafter Japans, Seiichiro Otsuka. Die “Singing Ambassadors” geben hin und wieder sogar Konzerte - wenn auch bislang nur auf lokaler Ebene.

Ich hoffe, Ihre Exzellenzen kommen nicht auf die Idee, die Seele der Europäer anhand des Eurovision Song Contest verstehen zu wollen — davon könnte sich die Europäische Union nicht so leicht erholen, wie von der Verfassungskrise.

Manchmal haben sowohl Original als auch Übersetzung ihre Tücken. Der Begriff „Parmigiano Reggiano“ ist europaweit geschützt und darf nur für Hartkäse aus den Regionen Parma, Modena und Reggio Emilia verwendet werden. Die EU möchte deutschen Käsereien am liebsten auch die Verwendung der Eindeutschung Parmesan verbeiten, doch die lassen sich darauf nicht ein:

„Parmesan ist nicht die Übersetzung von Parmigiano Reggiano, sondern hat sich längst zu einer allgemeinen Gattungsbezeichnung wie Edamer oder Gouda entwickelt“, argumentiert Jörg Rieke, Geschäftsführer des deutschen Milchindustrie-Verbandes.

Da ich ohnehin ein grundsätzlicher Gegner des Markenrechts bin, unterstütze ich die deutsche Milchindustrie zunächst, indem ich ab heute nur noch deutschen Parmesan kaufen und oft und deutlich als „Parmesan“ bezeichen werde. In romantischen Augenblicken werde ich mich sogar zu einem „Schatz, reichst du mir mal den parmigiano“ versteigen und wenn die EU damit ein Problem hat, dann kann sie mir ja null Punkte dafür geben.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.