Presseschau

Die in Namibia erscheinende Allgemeine Zeitung beschäftigt sich mit der Frage, ob „Namibismen“ — Wörter und Ausdrücke, die für das in Namibia gesprochene Deutsch typisch sind — in Zeitungsartikeln oder Schulaufsätzen verwendet werden dürfen. Der Artikel nennt auch ein paar Beispiele für solche Namibismen. Es handelt sich dabei um Lehnwörter aus dem Afrikaans (z.B. Braai, „Grillfest“) und dem Englischen (z.B. Farm), sowie Lehnübersetzungen wie die Probleme aussortieren (für „die Probleme lösen“) oder kalt kriegen für („frieren“), die ebenfalls aus dem Englischen und Afrikaans zu stammen scheinen (die Wikipedia hat eine schöne Liste typischer namibiendeutscher Ausdrücke). Der Artikel ist besonders interessant, weil einen Teufelskreis beschreibt, der diese Ausdrücke daran hindert, akzeptierter Bestandteil der Schriftsprache zu werden:

Solange die „Namibismen“ … nicht im Duden stehen, wird der Deutschlehrer den Aufsatz mit roter Tinte bearbeiten. Um aber Eingang in ein Wörterbuch zu finden, müssen die Namibismen anerkannterweise Teil der deutschen Standardsprache werden. Und diesen Status erhalten sie unter anderem dadurch, dass sie in der Schriftsprache und in den Medien benutzt werden.

Damit erfasst der Artikel eine grundlegende Paradoxie sprachlicher Nachschlagewerke: die meisten Wörterbücher und Grammatiken versuchen, den Sprachgebrauch zu beschreiben (sie sind „deskriptiv“), die Benutzer dieser Wörterbücher behandeln einige dieser Beschreibungen (wie den Duden) dann aber als Vorschrift (sie tun so, als sei das Wörterbuch oder die Grammatik „präskriptiv“). Dadurch wird dann eine sprachgeschichtliche Situation als „Standard“ festgeschrieben, die zufällig beim ersten Erscheinen des Wörterbuchs oder der Grammatik vorliegt.

Um einen veralteten Standard geht es auch dem australischen Germanisten Michael Clyne. Die Frankfurter Allgemeine berichtet über seine Vorstellungen zu einer zeitgemäßeren Einbeziehung der aktuellen Sprachsituation in Deutschland in den Fremdsprachenunterricht:

Clyne plädiert für eine bewusst gestaltete Mehrsprachigkeit. Das bedeutet zunächst, dass Deutsch als nationale Verkehrssprache von allen Bürgern ausreichend beherrscht werden muss. Auch Englisch bliebe als Unterrichtsfach selbstverständlich erhalten, verlöre aber seine bildungspolitische Dominanz. Dafür müssten andere Sprachen, vor allem die der Einwanderer, eine Aufwertung erfahren: Sie sollten als kulturelle Ressourcen betrachtet und — je nach Bedarf — in den Schulen unterrichtet werden. Ein solcher Unterricht könnte lokale türkische, polnische oder andere Sprachgemeinschaften einbeziehen und so für Praxisnähe und Lebendigkeit sorgen.

Über diesen Vorschlag kann man sicher trefflich streiten. Ich bin zum Beispiel ein großer Freund der Mehrsprachigkeit und halte es für wichtig, dass Einwanderer ihre Muttersprachen beibehalten und pflegen und ich kann mir gut vorstellen, dass man dafür auch Unterrichtszeit und Lehrer zur Verfügung stellt. Es gibt Hinweise, dass eine Beschäftigung mit der Muttersprache es Schülern mit Migrationshintergrund auch einfacher macht, Deutsch zu lernen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich so weit gehen würde, deutschen Muttersprachler in Deutschland diese Sprachen in der Schule beibringen zu wollen, schon gar nicht auf Kosten des Englischunterrichts.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.