Can You English (Nachtrag)

Da das Sprachblog im Moment ja eine One-Man-Show ist, erlaube ich mir einen persönlichen Nachtrag zur Ausstellungseröffnung gestern Abend. Wer eher auf fachlichen Diskurs Wert legt, sollte diesen Beitrag ignorieren…

Die Eröffnung der Ausstellung „Can you English“ (wir berichteten hier) hat natürlich die örtlichen Bodentruppen des VdS angelockt. Nun habe ich, aufgrund früherer Postings zum VdS und zu englischen Lehnwörtern, bereits eine Reihe von Mitgliedern dieses Vereins per Email kennen gelernt. Ich will deutlich sagen, dass da ein paar sehr vernünftige Menschen dabei sind, die ernsthafte Anliegen haben (wie etwa die Verankerung der deutschen Sprache in Institutionen der Europäischen Union) und denen die „Denglisch“-Mätzchen ihrer Vereinsleitung manchmal sogar ein bisschen peinlich zu sein scheinen.

Aber die beiden, die gestern da waren, gehörten nicht zu dieser Sorte. Zunächst fielen Sie dadurch auf, dass Sie während des gesamten musikalischen Begleitprogramms (spektakulär: The Alvarez Theory) demonstrativ auf die Uhr geschaut und laut vor sich hin gebrummelt haben. Dann haben sie sich tatsächlich erdreistet, ihre Pamphlete auf den Tischen zu verteilen (nochmal zum Mitdenken: es handelte sich um eine Vernissage und nicht um einen Bahnhofsvorplatz). Und dann kam der Anführer an meinen Tisch und unterbrach ein Gespräch, das ich gerade mit einem sehr „Denglisch“-kritischen, aber sachlich interessierten Gast führte.

Ich hätte ja eigentlich gern mit ihm diskutiert, aber er wollte gar nicht diskutieren, sondern nur seine Hassbotschaft verbreiten. Er hat keine Minute gebraucht, um die sprachpflegerische Maske fallen zu lassen und durch dumpfen Antiamerikanismus zu ersetzen. Das Gespräch ging so:

ER. Sie verstehen uns falsch, wir haben gar nichts gegen Englisch.

[Ich hatte das in meinem Vortrag auch nicht behauptet. Tatsächlich hatte ich den VdS überhaupt nur im Zusammenhang mit deren Anglizismenindex erwähnt, aus dem ich mir ein paar Beispiele für die Eindeutschung englischer Lehnwörter herausgesucht hatte.]

ER. Aber die Menschen verwenden englische Wörter mit deutschen Vorsilben und das ist falsch — wir sagen zum Beispiel gedownloadet. Diese Sprachvermischung vernebelt das Denken.

ICH. Diese Behauptung ist derartig abstrus, das ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

[Wenn überhaupt, dann vernebelt wohl die unqualifizierte Beschäftigung mit Sprachvermischung das Denken.]

ER. Pisa zeigt doch, dass die Schüler weder englische noch deutsche Texte schreiben können. Und das liegt an der Sprachvermischung.

ICH. Das liegt wohl eher an zu großen Klassen und zu wenig Lehrern

[Ach ja, und in der Pisa-Studie sind weder Fremdsprachenkenntnisse noch die Fähigkeit zur Textproduktion überhaupt getestet worden.]

ER. Wir sind doch das einzige Land, das sich als einundfünfzigster Bundesstaat der Vereinigten Staaten betrachtet.

ICH. Und Tschüß.

[Das einzige Land? Die New Model Army sieht das offensichtlich anders].

Da ich keine Lust hatte, mir auf diesem Niveau den schönen Abend verderben zu lassen, habe ich meinen wissenschaftlichen Mitarbeiter per Dienstanweisung verpflichtet, die Diskussion fortzuführen und habe versucht, mein ursprüngliches Gespräch wieder aufzunehmen (es ging dabei um den Zusammenhang zwischen englischen Lehnwörtern und der Globalisierung).

Keine zwei Minuten später kommt der VdS-Mensch wieder an und unterbricht das Gespräch.

ER. Die Anglizismen haben nichts mit der Globalisierung zu tun. Das ist kulturelle Unterwürfigkeit.

ICH. Bitte heute abend keinen Antiamerikanismus mehr. Und wenn, dann bitte nicht als Sprachkritik verkleidet.

ER. Wir sind nicht anti-amerikanisch.

ICH (greife nach den „Sprachnachrichten“ des VdS, die auf den Tischen liegen. Die Titelgeschichte handelt von der Theorie, dass die Amerikaner uns ihre Sprache aufzwingen, um auf diese Weise die Weltherrschaft zu erlangen). Ihr schafft es doch nicht einmal, das auf der Titelseite eurer Clubzeitschrift zu verbergen.

ER. Die Zeitschrift habe ich ja nicht gemacht.

Ein leztes Mal unterbrach er mich, als ich gerade dabei war, mich von meinem Kollegen Ian Watson, dem Organisator der Ausstellung, zu verabschieden.

ER. Ich habe ja selbst in Bremen Anglistik studiert und 1972 meinen Abschluss gemacht.

[Da die Universität Bremen den Lehrbetrieb erst im Wintersemester 1971/72 aufgenommen hat, hat er offensichtlich sehr schnell studiert].

ICH. Das kann man den Kollegen aber nicht vorwerfen — ich bin mir sicher, die haben sich alle Mühe gegeben.

ER (zu den anderen). Der junge Mann hier hält mich ja für einen Agitator.

ICH. Agitator? Vielleicht für einen Pausenclown.

Da bin ich natürlich zu weit gegangen, und deshalb möchte ich mich an dieser Stelle in aller Form für meinen Ausrutscher entschuldigen.

Also: liebe Pausenclowns, es tut mir leid, dass ich euch mit der Agitatorentruppe vom VdS verglichen habe. Das war unfair und es wird nie wieder vorkommen.

2 Kommentare zu „Can You English (Nachtrag)“

  1. Ihr Beitrag ist mir sehr sympathisch!

  2. wir sagen zum Beispiel gedownloadet.

    Sagen wir das? In meiner Erfahrung sagt das nur Microsoft — alle anderen sagen “heruntergeladen”.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.