Presseschau

Es ist sicher immer schwer, der Öffentlichkeit die Notwendigkeit von Grundlagenforschung verständlich zu machen. Aber man stelle sich vor, eine Gruppe von Physikern hätte von der Regierung 670.000 Euro erhalten, um die Anzahl und die Eigenschaften von Elementarteilchen zu erforschen (nicht, dass sie damit weit kämen — man könnte mit dieser Summe einen Teilchenbeschleuniger keine 10 Tage lang mit Strom versorgen). Müssten sie fürchten, dass der Bund der Steuerzahler sich darüber mit der Begründung beschwert, man wisse doch bereits, dass es unterschiedliche Elementarteilchen gebe? Wahrscheinlich nicht. Selbst, wenn sich jemand im Stillen über die scheinbare Geldverschwendung ärgern würde, wäre es ihm wohl doch peinlich, seine physikalische Ignoranz allzu deutlich zur Schau zu Tragen. Bei sprachwissenschaftlichen Themen gibt es eine solche Beißhemmung nicht. Eine Gruppe von britischen Sprachwissenschaftlern hat die genannte Summe erhalten, um drei Jahre lang die im Rahmen des BBC-Voices-Projekts gesammelten Daten zu britischen Dialekten auszuwerten. Das hat Corin Taylor, den Sprecher der TaxPayers’ Alliance, auf den Plan gerufen. Er hält das für einen groben Missbrauch von Steuergeldern. Die Daily Mail zitiert ihn so:

Everyone knows that people in different regions have different dialects so it’s difficult to see how this research will contribute anything. But once again politicians and bureaucrats have decided to waste a large sum of our money funding yet another pet project. When will this madness end?

Jeder weiß, dass Menschen in verschiedenen Gegeneden verschiedene Dialekte haben, deshalb ist es schwer einzusehen, was diese Forschung hier beisteuern soll. Aber wieder einmal haben Politiker und Bürokraten sich dazu entschlossen, eine große Summe unseres Geldes für noch eins ihrer Lieblingsprojekte zu verschwenden. Wann wird dieser Irsinn enden?

A propos Irrsinn. Im Streit um die Krippenplätze, auf die diejenigen von uns, die für den Fortbestand der Spezies sorgen, ab 2013 einen Anspruch haben sollen, wird diese Woche mit sprachkritischen Bandagen gekämpft. Nach dem Wunsch der CSU sollen ja diejenigen, die es sich leisten können, einen solchen Krippenplatz nicht in Anspruch zu nehmen, dafür finanziell belohnt werden. Diese Belohnung bezeichnen Kritiker äußerst treffend als „Herdprämie“. Obwohl das Wort schon seit einigen Jahren in der Diskussion verwendet wird, hat die CSU es nun satt. Und so bittet man die Aktion „Sprachkritische Aktion“, das Wort doch zum Unwort des Jahres zu erklären:

Der Begriff sei „nicht nur sachlich unangemessen, sondern ist geeignet, ein auf einer freien Willensentscheidung gründendes Lebensmodell grob zu diskriminieren“.

Die CSU als Verteidigerin frei gewählter Lebensmodelle. Und ich dachte, ich hätte schon alles gesehen.

Ein Kommentar zu „Presseschau“

  1. Ihr Narren! Die Worte spielen mit euch und machen sich lustig über eure schwachsinnigen Ideale! So wenig ihr das Wesen der Pflanzen durch das Zählen ihrer Staubgefäße enträtseln könnt, so wenig könnt ihr das Wesen der Sprache ergründen durch Registrieren ihrer Stammbildungen und Flexionsendungen.

    schrieb Herbert Müller-Guttenbrunn zum Thema “Sprachwissenschaftler”. Gefunden in “Alphabet des anarchistischen Amateurs” ;=)

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.