Schadenfreude

Letzte Woche habe ich über Don DeLillo und ungewöhnliche Kombinationen von Gefühlen geschrieben und dabei das deutsche Lehnwort schadenfreude im Englischen erwähnt.

Zur Erinnerung, das Cambridge Advanced Learners Dictionary definiert dieses Lehnwort wie folgt:

schadenfreude
noun [U]
a feeling of pleasure or satisfaction when something bad happens to someone else

Ein Gefühl von Freude oder Befriedigung also, wenn jemand anderem etwas Schlechtes zustößt. Das entspricht ziemlich genau der Bedeutung des deutschen Originals, dass das Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache wie folgt definiert:

Scha|den|freu|de [f. -; nur Sg.] Freude über das Missgeschick, Unglück anderer

Nun wäre die Existenz eines deutschen Lehnwortes im Englischen allein nicht besonders interessant — wenn man nicht immer wieder der Behauptung begegenen würde, dass das Englische sich dieses spezielle Wort leihen musste, weil das damit bezeichnete Gefühl dem englischen Muttersprachler gänzlich fremd sei.

So hat zum Beispiel das Online-Wörterbuch YourDictionary.com zum Gebrauch dieses Wortes Folgendes zu sagen:

This word is so typically German, that there is little to be done with it. It doesn’t even double as its own adjective felicitously. Just keep in mind that “sh” in German is spelled “sch” and that the vowels in “Freude” are pronounced like “Freud.”

Dieses Wort ist so typisch Deutsch, dass man nur wenig damit anfangen kann. Es kann noch nicht einmal als sein eigenes Adjektiv verwendet werden. Denken Sie daran, dass “sh” im Deutschen als “sch” buchstabiert wird und dass die Vokale in “Freude” wie “Freud” ausgesprochen werden.

Konsequenterweise ziehen die Macher dieses Wörterbuchs dann eine kleine Morallehre aus diesem der englischen Volksseele scheinbar so fremden Wort:

We suggest avoidance this word and the experience that accompanies it. Schadenfreude is a base substitute for pity, much more the human reaction to the misfortune of others. However, the driver of an old Ford pickup might get a twinge of schadenfreude at the sight of two Mercedes colliding. And if someone fell and broke their arm in the process of robbing your house, a modest touch of schadenfreude should do little damage to the soul.

Wir raten, dieses Wort und das Gefühl, das es vermittelt, zu meiden. Schadenfreude ist ein niederer Ersatz für Mitleid, das viel eher die menschliche Reaktion auf das Unglück anderer darstellt. Allerdings mag der Fahrer eines alten Ford-Pickup-Trucks einen kleinen Stich Schadenfreude empfinden, wenn er sieht, wie zwei Mercedesse zusammenstoßen. Und wenn jemand hinfiele und sich den Arm bräche, während er in Ihr Haus einbräche, dürfte eine bescheidene Portion Schadenfreude der Seele nur wenig schaden.

Hier ist nicht der Ort, auf die versteckte Fremdenfeindlichkeit in diesem erbaulichen Exkurs näher einzugehen (der aufrechte amerikanische Fordfahrer gegen die unpatriotischen Mercedesfahrer, deren Kollision nur eine wohlverdiente Strafe sein kann), auch wenn diese die seelenreinigende Wirkung des Ratschlags etwas trübt. Stattdessen wollen wir uns die Behauptung näher ansehen, dass es sich bei der Schadenfreude um ein typisch deutsches Gefühl handele. Mir scheint das kaum plausibel, aber ich bin schließlich Deutscher, und damit in dieser Frage nicht objektiv. Lassen wir also Steven Pinker zu Wort kommen, Psycholinguist am Massachusetts Institute of Technology und — viel wichtiger — durch und durch Amerikaner:

When English speakers hear the word Schadenfreude for the first time, their reaction is not “Let me see… Pleasure in another’s misfortunes… What could that possibly be? I cannot grasp the concept; my language and culture have not provided me with such a category.” Their reaction is, “You mean there’s a word for it? Cool!” (Steven Pinker, How The Mind Works)

Wenn englische Muttersprachler das Wort Schadenfreude zum ersten Mal hören, ist ihre Reaktion nicht „Mal sehen… Freude am Unglück Anderer… Was in aller Welt mag das sein? Das übersteigt meine Auffassungsgabe; meine Sprache und meine Kultur bieten mir kein Wort für diese Kategorie.“ Ihre Reaktion ist, „Sie meinen, es gibt ein Wort dafür? Cool!“

Ja, es gibt ein Wort dafür, und zwar nicht nur im Deutschen. Die Wikipedia nennt bedeutungsgleiche Wörter in 16 weiteren Sprachen, von A wie Arabisch über Bulgarisch, Dänisch, Estisch, Finnisch, Griechisch, Hebräisch, Litauisch, Niederländisch, Norwegisch, Russisch, Schottisches Gälisch, Tschechisch, Slowakisch, Slovenisch, und Schwedisch bis U wie Ungarisch. Ganz so exklusiv deutsch ist die Freude am Unglück anderer anscheinend doch nicht.

Wie steht es aber mit dem Englischen? Muss der Englischsprecher zu einem Lehnwort greifen um diesem niederen aber doch universellen Gefühl Ausdruck zu verleihen? Nein. Im Cambridge Advanced Learners Dictionary findet sich nämlich auch folgender Eintrag:

gloat
verb [I]
to feel or express great pleasure or satisfaction because of your own success or good luck, or someone else’s failure or bad luck:
She’s continually gloating over/about her new job.
I know I shouldn’t gloat, but it really serves him right.
His enemies were quick to gloat at his humiliation.

Das scheint mir eine ziemlich genaue Übersetzung zu sein, wenn man einmal davon absieht, dass gloat ein Verb ist und Schadenfreude ein Substantiv. Aber das lässt sich leicht ändern: im Englischen kann jedes Verb durch Hinzufügen des Suffixes -ing substantiviert werden (She gloated at his humiliation wird zu Her gloating at his humiliation).

Warum hält sich die Idee so hartnäckig, dass es kein genuin englisches Wort für Schadenfreude gibt, trotz der offensichtlichen gegenteiligen Evidenz? Wie kann es sein, dass beispielsweise die Wikipedia im oben erwähnten Eintrag Schadenfreude mit gloating übersetzt und dann im selben Satz behauptet, dass es keine englische Übersetzung gebe?

Das hat wohl weniger mit Sprache oder Sprachen zu tun, als vielmehr mit nationalen Stereotypen. Die Engländer werden (von sich und manchmal auch von anderen) als höfliche, zurückhaltende Zeitgenossen betrachtet und die Amerikaner gelten (sich und immer selterner auch anderen) als offene, herzliche Menschen. Denen traut man schlicht keine Schadenfreude zu, und so wird das Wort gloat beim sinnieren über Sprache und nationale Charaktereigenschaften schlicht übersehen. Die Deutschen dagegen — nun, das sind eben Deutsche.

4 Kommentare zu „Schadenfreude“

  1. im Sprachraum des Ex-Jugoslawiens existieren passende Worte (Slowenisch und Mazedonisch wurden schon in Wikipedia erwähnt) aber auch im Serbischen:

    die Schadenfreude - злонамерност/злонамјерност/зла намера/зла намјера/пакост
    schadenfroh - злонамеран/злонамјеран/злобан/пакостан

    im Kroatischen und Bosnischen:
    die Schadenfreude - zluradost/zla namjera/zavist/zloba/(zloća)/pakost
    schadenfroh - zlurad/zlonamjeran/zloban/zloćudan/pakostan

    LG
    @miro

  2. …, sagte er voller Schadenfreude. - …, he said gloatingly.

  3. Stimmt, das liest man immer wieder und es stimmt nicht: das Gefühl ist uns Briten sicher nicht fremd. Ob man ein Wort oder mehrere Wörter für etwas hat scheint mir eine weitere Klischee zu sein - auch wenn “gloat” nicht ausreichen würde und man zwei englische Wörter nehmen müsste, wäre nichts bewiesen (ganz abgesehen davon, dass Schadenfreude eine typisch deutsche Zusammensetzung ist). “Gloat” ist etwas breiter, das Beispiel “gloated over her new job” ist nicht ganz dasselbe, oder?

  4. Ebenfalls gebraucht im Sinne von “schadenfroh” wird im Amerikanischen das Wort gleeful. Laut Merriam-Webster et al. hat gleeful an sich zunächst keine negativen Konnotationen, aber die gelisteten Bedeutungen als verstärktes joyful bis hin zu gleeful > triumphantly joyful u. ä. legen den Gebrauch von gleeful in der Bedeutung von schadenfroh bereits nahe; im passenden Kontext ist dieser auch entsprechend anzutreffen.

    Ein Beispiel aus Newsweek, zitiert nach Barbara Johnson, A World of Difference, Vorwort zur Paperback-Edition, Baltimore: Johns Hopkins UP, 1991:

    [S]ome critics of deconstruction have taken this occasion to conflate the early and late work of de Man and to proclaim, as reported in Newsweek, that “the movement is finished. As one Ivy League professor gleefully exclaims, “‘deconstruction turned out to be the thousand-year Reich that lasted 12 years’” (February 15, 1988). This “gleeful” joy in annihilation clearly draws on the energies of the evil that opponents think they are combating. (xvi)

    ^_^J.

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