Alles geht, oder?

„Für Deskriptivisten gibt es kein Richtig oder Falsch. Alles geht.“ So hat eine meiner Studentinnen kürzlich in einer Seminardiskussion den Begriff Deskriptivismus definiert.

Nein. Auch Deskriptivisten unterscheiden zwischen „richtigen“ und „falschen“ Strukturen. Der Unterschied zwischen Deskriptivisten und Präskriptivisten liegt in der Grundlage, auf der sie diese Unterscheidung treffen. Für Präskriptivisten ist ein sprachlicher Ausdruck „falsch“, wenn er irgendwelche von Außen aufgesetzten Normen verletzt (sie sehen Sprache als eine Sammlung von Benimmregeln). Für Deskriptivisten ist ein sprachlicher Ausdruck „falsch“, wenn er den Regeln widerspricht, denen die Sprecher der Sprache unbewusst folgen (sie sehen Sprache als eine komplexe kognitive Fähigkeit).

Fangen wir mit ein paar Beispielen auf der Wortebene an. Die US-amerikanische Zeichentrickserie Babylon 5 hieß in der deutschen Synchronisation „Spacecenter Babylon 5“. Ein Präskriptivist könnte diese Betitelung beispielsweise deshalb als „falsch“ bezeichnen, weil er keine englischen Lehnwörter („Anglizismen“) mag und der Titel deshalb gegen sein ästhetisches Empfinden verstößt. Er würde dann eventuell auf ein existierendes deutsches Wort verweisen, das man statt Spacecenter hätte verwenden können: (Welt-)Raumstation. Ein Deskriptivist würde die Betitelung ebenfalls als „falsch“ bezeichnen: er würde darauf hinweisen, dass space center gar nicht eine „Raumstation“ bezeichnet, sondern ein „Raumfahrtkontrollzentrum“. Da Babylon 5 eine Raumstation ist, ist die Betitelung falsch: sie widerspricht der allgemein akzeptierten Bedeutung des Wortes space center.

Wenn sich im deutschen Sprachraum nun aber das Wort Spacecenter als Bezeichnung für eine Raumstation allgemein einbürgern würde, dann würde der Deskriptivist aufhören, den Titel „Spacecenter Babylon 5“ als falsch zu betrachten. Stattdessen würde er darauf hinweisen, dass das betreffende Wort im Deutschen eben eine andere Bedeutung hat als im Englischen. Das ist für Lehnwörter nicht weiter ungewöhnlich: wenn eine Sprachgemeinschaft ein Wort aus einer anderen Sprache entlehnt, tut sie das häufig in einer Art und Weise, bei der die ursprüngliche Bedeutung eingeengt oder sogar völlig verändert wird. So bedeutet das deutsche Lehnwort ersatz im Englischen nicht dasselbe wie das deutsche Wort Ersatz. Das deutsche Wort bezeichnet allgemein etwas, das an die Stelle von etwas anderem tritt (Ersatzwehrdienst, Ersatzfahrzeug, etc.) oder für eine solche Stellvertreterfunktion bereitgehalten wird (Ersatzspieler, Ersatzschlüssel, etc.). Das englische Wort bezeichnet dagegen eine unzureichende Kopie von etwas; so kann man ungeliebte Gegner in einer Diskussion als ersatz intellectuals (Möchtegernintellektuelle) bezeichnen, die mit ersatz arguments (Scheinargumenten) versuchen, bei den Zuhörern ersatz emotions (falsche Emotionen) zu erzeugen. Der Grund für diese Bedeutungsverschiebung ist der Begriff, als Teil dessen das Wort ursprünglich entleht wurde: Ersatzkaffee. Dieser Begriff kombiniert die Bedeutung „anstelle von“ zufällig mit der Bedeutung „unzureichende Kopie“ und die Englischsprecher haben die zweite Bedeutung als Hauptbedeutung interpretiert. Das macht die englische Verwendung des Lehnwortes aus deskriptiver Perspektive aber nicht „falsch“ sondern nur „anders“. Ein Präskriptivist würde aber darauf beharren, dass Ersatz „eigentlich“ nicht „unzureichende Kopie“ bedeutet und dass diese Verwendung deshalb „falsch“ sein muss. Wem dieses Beispiel zu hypothetisch ist, der mag sich das englische Lehnwort Handy vor Augen führen, das im Deutschen eine völlig andere Bedeutung hat als im Englischen, und das deshalb von Präskriptivisten häufig kritisiert wird.

Auch auf der Ebene der Grammatik kann man den Unterschied zwischen Präskriptivisten und Deskriptivisten wiederfinden. Ein Präskriptivist würde zum Beispiel behaupten, dass der Ausdruck im Sommer diesen Jahres „falsch“ sei, da die korrekte Genitivform des sächlichen Demonstrativpronomens dieses laute und man deshalb im Sommer dieses Jahres sagen müsse. Ein Deskriptivist würde dagegen darauf hinweisen, dass die Form diesen Jahres so häufig verwendet wird, dass man sie nicht (mehr) als Fehler abtun kann sondern als allgemein akzeptierte Alternativform betrachten sollte.

Trotzdem bezeichnen auch Deskriptivisten manche Sätze als „falsch“. An den Bremer Straßenbahnhaltestellen hängen derzeit zum Beispiel überall Plakate, auf denen die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) Folgendes verkündet:

  • Wir wünschen mehr als eine gute Fahrt. Wir garantieren sie.

Es wundert mich, dass es niemandem in der PR-Abteilung der BSAG aufgefallen ist, aber dieser kurze Text folgt nicht den Regeln der deutschen Grammatik. Die beiden Sätze sollen eine Steigerung kommunizieren: die BSAG wünscht ihren Fahrgästen eine gute Fahrt und sie garantiert sogar eine solche. Mit anderen Worten: wünschen soll zu garantieren gesteigert werden. Das Problem ist nur, dass sich das mehr in mehr als immer auf die Nominalphrase oder den Satz bezieht, der durch als eingeführt wird. Der Satz Wir wünschen mehr als eine gute Fahrt bedeutet also: „Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt und wir wünschen Ihnen noch etwas, das besser ist als eine gute Fahrt“. Man würde nun einen zweiten Satz erwarten, der dieses Etwas näher benennt, z.B. Wir wünschen mehr als eine gute Fahrt, wir wüschen eine fantastische Fahrt. Oder Wir wünschen mehr als eine gute Fahrt, wir wüschen ein gutes Leben. Um eine Steigerung des Verbs wünschen zu kommunizieren, hätte die BSAG den Satz so konstruieren müssen, dass dieses Verb durch als eingeführt wird, also etwa so:

  • Wir tun mehr als eine gute Fahrt zu wünschen. Wir garantieren sie.

Alternativ hätte man statt mehr als den Ausdruck nicht nur wählen können. Denn nicht nur kann sich auf das Verb oder auf die folgende Nominalphrase beziehen, je nachdem, wo die Betonung liegt. Betont man die Nominalphrase (oder einen Teil daraus), dann ergeben sich die selben Bedeutungen, die ich oben für mehr als genannt habe:

  • Wir wünschen nicht nur eine GUTE Fahrt. Wir wünschen eine FANTASTISCHE Fahrt.
  • Wir wünschen nicht nur eine gute FAHRT. Wir wünschen ein gutes LEBEN.

Betont man aber das Verb, dann kann man die von der BSAG gewollte Steigerung kommunizieren:

  • Wir WÜNSCHEN nicht nur eine gute Fahrt. Wir GARANTIEREN sie.

Mit mehr als geht das nicht. Probieren Sie selbst einmal aus, was es bedeuten würde, wenn Sie im Originalsatz der BSAG das Verb wünschen betonen.

Ich nehme sogar an, dass der Texter ursprünglich nicht nur geschrieben hat. Irgendein oberschlauer Creative Director wird dann gefunden haben, dass das „irgendwie zu negativ“ klingt. Der hat dann nicht nur durch mehr als ersetzt („das klingt irgendwie positiver“) ohne darauf zu achten, ob das Ergebnis noch den Regeln der deutschen Sprache entspricht.

Auf jeden Fall ist ein Satz dabei herausgekommen, den ich als radikaler Deskriptivist klar als „falsch“ bezeichne. Nicht, weil er einer Regel widerspricht, die ich mir ausgedacht habe, um mich über andere Leute zu erheben oder weil er einer Regel widerspricht, die vor hundert Jahren gegolten haben mag. Sondern, weil er einer Regel widerspricht, die jeder deutsche Muttersprachler in seinem Kopf herumträgt ohne es zu wissen.

4 Kommentare zu „Alles geht, oder?“

  1. Da möchte ich, zumindest halb, widersprechen: Das Problem bei dieser Definition von Deskriptivismus ist doch, dass man irgendwo eine Grenze ziehen muss. Wieviele Leute müssen im Sommer dieses Jahres sagen, damit es nicht mehr falsch ist? 10? 10% der Sprecher? 50%? Das kann man natürlich a) nicht beantworten und b) nicht messen. Deswegen würde ich die Kategorien “richtig” und “falsch” wirklich nicht benutzen, weil es keine binäre Entscheidung mehr ist, sondern eine graduelle. Je mehr Menschen Sommer dieses Jahres sagen, desto richtiger wird es? Dann ist “richtig” der falsche Begriff, würde ich meinen.

    Dass “alles geht” würde ich daraus zwar noch nicht ableiten, aber die Begriffe “richtig” und “falsch” verwende ich nur mit klarem Bezug auf ein Regelwerk.

  2. Ich weiß, darum geht es in diesem Beitrag gar nicht, aber ist “Handy” wirklich ein Lehnwort?

    Ich habe das immer als Kunstwort gesehen, das englisch klingen soll und für das es nur zufällig tatsächlich eine Entsprechung im Englischen gibt.

  3. Schaut man sich den Eintrag „Winston tastes good like a cigarette should” in der Wikipedia so an, so kann man sehen, dass man mit grammatikalisch falscher Werbung offenbar sogar Geschichte schreiben kann. Vielleicht war das das Ziel der Bremer Straßenbahn AG…

  4. Nils,
    Dass “alles geht” würde ich daraus zwar noch nicht ableiten, aber die Begriffe “richtig” und “falsch” verwende ich nur mit klarem Bezug auf ein Regelwerk.
    Da spricht der Computerlinguist… ;-) Es ist oft sinnvoll, Sprache als ein klares Regelwerk betrachten. Aber diese Idealisierung versagt bei Sprachwandelprozessen wie dem von Sommer dieses Jahres zu Sommer diesen Jahres. In diesem Fall dürfte das Verhältnis zwischen den Formen etwa 50:50 sein, allerdings mit einer Präferenz für dieses in der geschriebenen und diesen in der gesprochenen Sprache. Hinzu kommt, dass sich der Kontext, in dem die Variation möglich ist, relativ genau bestimmen lässt. Hier würde ich deshalb kein Problem mit der Aussage sehen, dass beide Formen „richtig“ sind. Natürlich gibt es auch echte Zweifelsfälle, aber dieses/diesen ist keiner.

    Alex, ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Über den Ursprung des Wortes Handy besteht keine Klarheit. Wie so oft fasst der relevante Wikipedia-Artikel die Lage treffend zusammen. Vielleicht hätte ich also ein weniger problematisches Beispiel wählen sollen…

    NvonX, es wird oft behauptet, dass Werbeagenturen „ungrammatische“ Slogans verwenden um Aufmerksamkeit zu erregen. Vermutlich stimmt das manchmal, während die Texter in anderen Fällen einfach korrekte Umgangssprache verwenden und von Besserwissern dafür korrigiert werden. Bei Winston war interessant, dass die Werbung teilweise explizit auf die vermeintlich „falsche“ Grammatik Bezug genommen hat (tatsächlich ist die Variation von like und as auch nur ein Sprachwandelprozess, der noch nicht abgeschlossen ist). Der Text der BSAG dagegen ist ohne Zweifel ungrammatisch, aber sicher nicht absichtlich, wie es z.B. bei „Deutschlands meiste Kreditkarte“ der Fall war.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.