Namen auf der Spur

Nachdem sich Anatol gestern mit Völkernamen befasst hat, spinne ich heute den roten Faden „Namen“ noch ein bisschen weiter. Mittwoch abend um 20:45 Uhr, fast zur besten Sendezeit also, ist ein Sprachwissenschaftler Stargast einer Fernsehsendung. Ich weiß nicht, ob Karlheinz Hengst als Schüler so lange wegen seines Nachnamens gehänselt wurde, bis er es leid war und beschloss, noch alberner klingende Namen zu sammeln, oder ob es Zufall war. Jedenfalls ist er Professor für Onomastik (=Namenskunde) geworden. Und im Sendegebiet des MDR interessieren sich so viele Leute dafür, wo ihr Name herkommt, dass man dort eine mehrteilige Fernsehsendung mit einer eigenen Internetseite ins Leben gerufen hat. Es wird in etwas unregelmäßigen Abständen gesendet, aber morgen wird „Namen auf der Spur“ wieder ausgestrahlt.

Letzten Mittwoch habe ich das Ende der Sendung mitbekommen, und ich war erstaunt, dass es so etwas im deutschen Fernsehen noch gibt. Gut, das Format passt zum MDR. Hengst legt genau das Sprechtempo an den Tag, das man früher vom „Telekolleg“ erwartet hätte. Aufgelockert wird der Ablauf der Sendung durch heimelige Einspieler über wahlweise „unser schönes Thüringen“, „unser schönes Sachsen“ o.ä. Aber „Namen auf der Spur“ ist eine Servicesendung. Man kann nachfragen, was der eigene Nachname bedeutet, und man erfährt oft, dass das wirklich nur ein Fachmann wissen kann.

Professor Hengst hat neben Slawistik, Pädagogik und Psychologie auch noch Lituanistik studiert. Lituanistik! Diejenigen von uns, die selber ein Fach studiert haben, das als Orchideenfach abqualifiziert wurde, sollten vielleicht die MDR-Sendung aufnehmen. Dann kann man den Enkeln wenigstens beweisen, dass es im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht völlig plemplem war, ein Fach zu studieren, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts für ziemlich nutzlos gehalten wurde. Immerhin hat man Karlheinz Hengst noch 2007 im Fernsehen gezeigt, und zwar als Experten, nicht als taxifahrende Lachfigur. Und er hat dazu beigetragen, das Thema Sprache in die beste Sendezeit des deutschen Fernsehens zu hieven. Respekt!

Als Nachnamen in Mitteleuropa eingeführt wurden, hat sich so mancher einen Jux erlaubt, weil es noch kein Einwohnermeldeamt gab. Ich kann bezeugen, dass ca. 1986 auf einer Klingel auf dem Heerdter Sandberg in Düsseldorf „Rindfleisch“ stand. Die häufigsten Familiennamen in China sind Wang, Li und Zhang, was so erstaunlich nicht ist, wohl aber die Tatsache, dass ganze 273 Millionen Menschen einen dieser drei Namen tragen und China mit 100 Namen für 85% seiner Bevölkerung auskommt.

Als Vorname ist in Deutschland Pumuckl zulässig, nicht aber Störenfried. Pepsi Carola ist erlaubt, man darf sein Kind aber nicht Bierstübl nennen. Dazu gibt es tatsächlich juristische Regelungen. Wenn ich mir so durchlese, was manche Leute als Vornamen für ihren Nachwuchs durchsetzen wollen, nehme ich es meinen Eltern gar nicht mehr so übel, dass sie mir als zweiten Vornamen den etwas altbackenen Johannes verpasst haben.

MDR
Mi. 2. Mai 2007, 20.45 Uhr
Namen auf der Spur
„Von Sauerbrey bis Ziegenbalg“

9 Kommentare zu „Namen auf der Spur“

  1. ich hatte einmal einen Schüler namens “Heribert Schädel”

    ist allemal besser als “Rainer Zufall” ;=)

  2. Zu “Wang” muss man dazusagen… Wáng 王 ist der häufige Name; Wāng 汪 ist viel seltener.

  3. Der Name “Döring” ist hier im Eichsfeld sehr verbreitet. Es gibt hier auch ein “Döringsdorf”. Der Name klingt ähnlich wie “Thüringen”. Vieleicht haben beide Namen einen gleichen Ursprung. Wir, unsere Familie würden uns sehr freuen, wenn wir die Bedeutung dieser beiden Namen von Ihnen erfahren würden.
    Vielen Dank.
    Waltraud Döring und alle Familienangehörigen

  4. Frau Döring, Sie haben Recht mit Ihrer Vermutung. Der Name Döring bedeutet „der Thüringer“. Der Name Thüringen leitet sich vom Namen des germanischen Stammes der Thuringi oder Thoringi ab. Woher dieser Stamm seinen Namen hatte, darüber besteht in der Forschung leider keine Einigkeit. Die ursprüngliche Bedeutung Ihres Familiennamens kann ich Ihnen deshalb leider nicht nennen.

  5. Sehr geehrter Herr Stefanowitsch,
    für ihre Bemühungen und die Beantwortung meiner Frage bedanke ich mich recht herzlich.

    Waltraud Döring

  6. Der Name Gänß wurde 1881 durch einen Pfarrer in Prießnitz ( Naumburg ) aus dem Namen Gensch gebildet. Mich würde es brenned interessieren, woher der stammt und was er bedeutet.
    Vielen Dank

  7. Sehr geehrte Familie Gänß,

    wenn es Sie noch immer interessiert, woher Ihr Name stammt, welche etymologische Bedeutung und Verbreitung für diesen Familiennamen in Erwägung zu ziehen sind, so kontaktieren Sie mich unter meiner angeg. Mailadresse.

    Mfg-Katharina Buschau

    P.S.: Was die Bedeutung des Familiennamen Döring anbetrifft, kann ich diese nur bestätigen.

  8. Zum Namen Thüringen sowie zum Familiennamen Dö(h)ring und seiner Verbreitung sei ein wichtiger Aufsatz empfohlen:
    Jürgen Udolph, Der Name Thüringen. In: Namenkundliche Informationen 79/80, Leipzig 2001, S. 125-144.
    Mit freundlichen Grüßen
    Volkmar Hellfritzsch, Stollberg

  9. In Vietnam teilen sogar 40% der Einwohner den Nachnamen

    http://de.wikipedia.org/wiki/Nguy%E1%BB%85n

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.