Schneeschuhknüpfer und Alemannen

Bei der Wahl einer Bezeichnung für ein anderes Land/ein anderes Volk haben die Sprecher einer Sprache zwei Möglichkeiten. Sie können das Wort übernehmen, mit dem das betreffende Volk sich selbst bezeichnet — die sogenannte Eigenbezeichnung (das Endonym, also der „Innenname“). Sie können aber auch ein eigenes Wort, also eine Fremdbezeichnung schöpfen (ein sogenanntes Exonym, also den „Außennamen“).

Wenn eine Sprachgemeinschaft eine Fremdbezeichnung für ein anderes Land/Volk erfindet, geschieht das manchmal in einer Art und Weise, die nicht gerade schmeichelhaft für die so Benannten ist. Die abschätzige Bedeutung eines Exonyms kann allerdings auch eingebildet sein. So wurde uns jahrzehntelang eingeredet, das Wort Eskimo stamme vom algonkischen ashkipok („Roh-Esser“) ab. Um die Ungerechtigkeit dieser Benennung noch zu verstärken, wird das Wort oft übertrieben harsch als „Rohfleischfresser“ übersetzt (vielleicht spielt bei dieser Übersetzung auch das Wort kachekweshu eine Rolle, mit dem die Nordküstenmontagnais die Eskimos bezeichnen und das sie selbst als „Esser rohen Fleisches“ übersetzen). Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass diese Etymologie falsch ist und dass sich das Wort Eskimo von assimew (Montagnais) oder ashkime (Ojibwa) ableitet und „Schneeschuhknüpfer“ bedeutet.

Wenn eine Sprachgemeinschaft die Eigenbezeichnung eines Landes/Volkes übernimmt, verallgemeinert sie dabei häufig ein Wort, das eigentlich nur einen Teil des betreffenden Landes/Volkes bezeichnet, auf das gesamte Land/Volk (so sprechen wir häufig von Holland wenn wir die „Niederlande“ meinen — das hat am Wochenende zu Verstimmungen zwischen Sprachblogkommentator Corax und mir geführt und mich zu diesem Beitrag inspiriert). Oder sie engen einen Begriff auf das betreffende Volk ein, der eigentlich eine viel breitere Bedeutung hat (so sprechen wir häufig von Amerika wenn wir die „USA“ meinen).

Bei den Bezeichnungen für „Deutschland“ in anderen Sprachen finden sich alle diese Strategien (ich empfehle hier die Liste, die der Artikel Names for Germany in der englischsprachigen Wikipedia enthält und die viel schöner ist, als die im deutschsprachigen Artikel).

Zunächst gibt es eine Reihe von Sprachen, die entweder das Wort Deutsch(land) entlehnt haben (z.B. Teutōtitlan im Nahuatl oder Tôitšhi im Sesotho) oder die etymologisch eng verwandte Bezeichnungen verwenden (z.B. Duitsland im Niederländischen oder Tyskland in den skandinavischen Sprachen). Das Wort Deutsch selbst leitet sich aus dem germanischen theoda ab, was schlicht „Volk“ bedeutet. Das ist übrigens eine beliebte Strategie zur Eigenbenennung: viele Völker bezeichnen sich selbst mit ihrem Wort für „Volk“.

Dann gibt es eine Reihe von Sprachen (wahrscheinlich die Mehrzahl), die ihre Bezeichnung für Deutschland direkt oder indirekt vom lateinischen Germania ableiten (häufig indirekt über das Englische Germany). Hier liegt eine sogenannte Synekdoche vor, bei der der Begriff für ein Ganzes (den Siedlungsraum der Germanen, der halb Europa umfasste) für einen Teil (Deutschland) verwendet wird.

Den umgekehrten Fall, bei dem ein Teil für das Ganze verwendet wird, gibt es auch. Die bekanntesten Namensgeber dürften hier die Alemannen sein, deren Siedlungsraum sich zwar nur zu einem kleinen Teil mit dem Gebiet des heutigen Deutschland überschneidet, die aber trotzdem z.B. Pate für die Bezeichnungen im Französischen (Allemagne) oder Spanischen (Alemania) standen. Aus den romanischen Sprachen ist der Begriff dann aber auch z.B. in das Türkische (Almanya) und Tagalog (Alemanya) entlehnt worden. Weniger bekannte Namensgeber nach dem Prinzip Teil-für-Ganzes sind die Sachsen (auf Finnisch heißt Deutschland Saksa, auf Estnisch Saksamaa) und die Preußen (auf Tahitisch heißt Deutschland Purutia).

Schließlich findet sich auch eine weit verbreitete und gerade aus sprachwissenschaftlicher Sicht unhöfliche Fremdbezeichnung für Deutschland: die meisten osteuropäischen Sprachen verwenden Namen wie Niemcy (Polnisch) oder Németország (Ungarisch). Diese leiten sich von einem Wortstamm ab, der in etwa „unverständlich sprechend“ bedeutet.

Die Vereinten Nationen, stets um Harmonie zwischen den Völkern der Welk bemüht, empfehlen übrigens seit vielen Jahren, so weit wie möglich Endonyme zu verwenden. Sie erkennen aber auch an, das Exonyme ein „vitaler und lebendiger“ Bestandteil der Sprache sind, in der sie verwendet werden, und dass eine Entscheidung über ihre „Löschung“ deshalb nur auf Einzelfallbasis getroffen werden kann (eine Zusammenstellung aller UN-Resolutionen zu geografischen Bezeichnungen findet sich hier [PDF, 400KB]).

Die strikte Verwendung von Endonymen ist aber häufig gar nicht so einfach. Nehmen wir noch einmal die Eskimos. Selbst wenn der Name nicht „Rohfleischfresser“ bedeutet, hätten sie doch auf jeden Fall das Recht, auf eine Eigenbezeichnung zu bestehen. Nur — welche sollte das sein? Wohlmeinende Menschen wollen uns seit vielen Jahren einreden, man solle das Wort Inuit verwenden. Das ist ein Wort aus den Inuitsprachen, das „Mensch“ bedeutet (eine weitere beliebte Strategie der Eigenbezeichnung). Nun sprechen aber nicht alle Eskimos Inuitsprachen — in Alaska und Sibirien sprechen sie Yupik. Inuit ist für diese Sprachgemeinschaften also ebenso eine Fremdbezeichnung wie Eskimo. Die Eskimos in Alaska verwenden deshalb nach wie vor den Begriff Eskimo. Die Eskimos in Grönland sprechen zwar eine Inuitsprache, Kalaallisut, nennen sich selbst aber trotzdem lieber Kalaallit (oder einfach Grönländer). Will man nun die arktischen Völker insgesamt benennen, bleibt einem nur die Fremdbezeichnung. Und da haben es die Eskimos doch mit „Der den Schneeschuh knüpft“ deutlich besser getroffen als wir Deutschen mit „Der nicht richtig sprechen kann“.

5 Kommentare zu „Schneeschuhknüpfer und Alemannen“

  1. Sehr interessante Lektüre. Ich frage mich dann nur immer, warum es uns interessieren muß, daß die Tschechen uns vorschreiben wollen, ihr Land “Tschechien” zu nennen (ein Unwort, wie ich finde), wo es doch schon das Wort “Tschechei” gibt — wo uns die Tschechen schon seit Ewigkeiten als “Stumme” beleidigen, nur weil wir keine slawische Sprache sprechen. :) :)

  2. Da hat sich ja ein durchaus lehrreicher Artikel ergeben, erstaunlich auch, dass der englischsprachige Artikel deutlich ausführlicher ist als die entsprechenden deutschen Seiten bei Wikipedia.

    Eine ausführliche Erklärung bezüglich der Frage Tschechien/Tschechei, wobei der Begriff Tschechien überraschenderweise der ältere ist und die Tschechen selber damit kämpfen, findet sich hier:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Tschechien#Tschechien.2FTschechische_Republik

    MfG corax

  3. Corax, das ist ein interessanter Link; mir war nicht klar, dass es eine tschechische Kommission war, die den Begriff Tschechien vorgeschlagen hat. Es wäre interessant, zu wissen, wie üblich es ist, dass ein Land selbst anderen Sprachgemeinschaften ein Exonym vorschlägt, mit dem es bezeichnet werden möchte. Man hätte ja stattdessen das Endonym Česko vorschlagen können, das sich auf Deutsch gut aussprechen lässt.

  4. Eine total bizarre Situation ist bei dem Inschriftenstreit für ein Mahnmal für die Opfer im Nationalsozialismus entstanden, die damals mit dem Exonym “Zigeuner” bezeichnet wurden. Darunter verstand man früher Sinti und Roma aber auch andere Stämme sowie auch die Jenischen die einer ganz anderen Volksgruppe entstammen. In Folge dessen hat sich der Bau eines Mahnmals jahrelang verzögert weil die Regierung nicht gegen den Willen der jeweiligen Vertreter das Wort “Zigeuner” benutzen wollte, sich aber der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Sinti Allianz Deutschland sowie der Jenischer Bund in Deutschland & Europa e. V. nicht auf einen gemeinsamen Text einigen konnten.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Porajmos#Inschriftenstreit

    MfG corax

  5. Ich plage mich seit einiger Zeit mit einem ähnlichen Problem: “Zigeuner” versus “Roma und Sinti”
    Im allgemeinen habe ich nichts dagegen, den Ausdruck “Roma und Sinti”, falls er tatsächlich politisch korrekter ist.
    Aber wenn ich nun über z.B. die Roma und Sinti in meinem Ort oder gar über eine bestimmte Familie im Ort sprechen möchte, finde ich diesen Ausdruck falsch. Denn sicher ist nicht jede Familie aus mehren Roma und Sinti gemischt. Entweder es sind Roma oder Sinti oder etwas anderes.
    Und wie bezeichne ich einen einzelnen Menschen? “Der Roma und Sinto”? “Der Roma oder Sinto”? Hier suche ich immer noch nach einem politisch korrekten und tatsächlich verwendbaren Begriff.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.