Dossier “Sprachforschung” in der Stuttgarter Zeitung

Damit wir nicht den Eindruck erwecken, das Jahr der Geisteswissenschaften sei auf Bremen beschränkt (es ist ein bundesweites Wissenschaftsjahr), schauen wir heute mal in die Stuttgarter Zeitung. Ich habe mich gefreut, als ich sah, dass diese recht bekannte Tageszeitung eigens ein Dossier „Sprachforschung“ eingerichtet hat. Und der jüngste Eintrag über den Sprachwissenschaftler Klaus von Heusinger von der Uni Stuttgart gibt einen schönen Einblick in das Leben und Wirken eines Linguisten.

„Durch die Sprache dem menschlichen Geist auf der Spur“ heißt der Artikel über Klaus von Heusinger, und ich bin ihm (dem Artikel und KvH) dafür dankbar, dass er dem wohl verbreitetsten Mythos über Linguisten den Zahn zieht:

Er muss es wissen, denn ein wichtiges Betätigungsfeld der Linguisten ist der Sprachvergleich. Auf von Heusingers Schreibtisch stapeln sich die Grammatiken. Neben drei Bänden spanischer Grammatik liegt die englische, eine arabische zieht er aus dem Regal. Ein Linguist spricht keine Sprachen, er arbeitet über sie.

Wer als Sprachwissenschaftler arbeitet oder mal gearbeitet hat, wird das kennen: Die erste Frage ist immer: „Ist ja spannend, wie viele Sprachen sprichst du denn?“ Tatsache ist, dass ich eine Reihe Kollegen kenne, die ganz ehrlich auf diese Frage genau die beeindruckende Antwort geben können, die erwartet wird, also eine zweistellige Zahl. Es gibt aber auch nicht wenige, die nur Englisch können – wenn man nicht an Sprachvergleich interessiert ist, reicht das auch. Die meisten Linguisten liegen irgendwo dazwischen: Sie sprechen eine Handvoll Sprachen sehr gut, können aber noch sehr viel mehr lesen, zumindest mit Hilfe eines Wörterbuchs.

Auch der gern tradierte Humbug über die Eskimowörter für Schnee wird als solcher entlarvt. Auf relativ wenig Platz geht KvH auf Grundlegendes und Methodisches zur Sprachwissenschaft, aber auch einzelne Gebiete wie Bedeutung von Wörtern oder Verwendung von Sprache ein. Sehr lesenswert.

Gestolpert bin ich nur über folgende Stelle:

“In 95 bis 98 Prozent aller Sprachen steht das Objekt nahe am Verb, das Subjekt dagegen weiter weg”, berichtet von Heusinger.

Wir sind hier in der Sprachtypologie, der Betrachtung von strukturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Sprachen in ihrem Bau, unabhängig davon, ob diese Sprachen verwandt sind oder nicht. Seit Greenberg (1963) interessiert Typologen, wo im Satz Subjekt, Verb und Objekt stehen und welche Folgen das auf andere Erscheinungen des Satzbaus und der Wortstruktur hat. Die logisch möglichen Typen sind in den Sprachen der Welt alle bezeugt (bei OSV war man sich zuerst nicht sicher), kommen aber unterschiedlich häufig vor. Je nach Quelle sind die Zahlen leicht verschieden; ich nehme mal die Angaben aus Dryer (2005):

1. SOV 47%
2. SVO 41%
3. VSO 8%
4. VOS 2,5%
5. OVS 0,8%
6. OSV 0,4%

Jede Sprache wird einem der sechs Typen zugeordnet, und zwar je nachdem, was die „Grundwortstellung ist“, aber hier stecken schon jede Menge Probleme. Nehmen wir nur mal das Deutsche:

1. [weil] der Schal den Hals wärmt ~ SOV
2. der Schal wärmt den Hals ~ SVO
3. [dann] wärmt der Schal den Hals ~ VSO
4. [dann] wärmt den Hals der [ausgesprochen hässliche] Schal ~ VOS
5. [und] den Hals wärmt der Schal ~ OVS
6. [weil] den Hals der Schal wärmt [, und nicht der Muff] ~ OSV

Mit ein bisschen Fantasie sind alle Anordnungen vorstellbar. Aber was ist die Grundwortstellung? So wie in Satz 2, also SVO, klar. Oder? Es hat schon Linguisten gegeben, die behauptet haben, die Grundwortstellung sei 1, und 2 sei davon abgeleitet. Das Problem ist, dass entfernte Vorstufen des Deutschen SOV waren und die Sprache sich nach und nach zu SVO gewandelt hat, und noch wandelt: Nebensätze verharren noch im älteren Stadium, allerdings hört man in der gesprochenen Sprache auch „weil der Schal wärmt den Hals“. (Im Niederländischen hat man freie Wahl.)

Aber gut, sagen wir mal, Deutsch ist SVO. Dann lässt die Greenbergsche Einteilung immer noch kein Urteil darüber zu, ob in einer solchen Sprache das Subjekt oder das Objekt näher am Verb steht. Somit bräuchte man für über 40% der Sprachen, nämlich die, die sich so verhalten wie Deutsch, zusätzliche Kriterien, um behaupten zu können, in 95-98% der Sprachen der Welt geselle sich das Objekt näher zum Verb als das Subjekt. Vielleicht hat an dieser Stelle die Journalistin oder KvH selbst ungenau formuliert, denn es heißt im nächsten Satz:

Daraus folgert der Linguist, so gut wie alle Sprecher und Hörer wollen erst über das Wichtigste, das Subjekt, Bescheid wissen und dann etwas über das Neue, das Objekt, erfahren.

Und der Prozentsatz für die Sprachen mit SO statt OS kommt hin.

Das StZ-Dossier enthält daneben noch einen ebenso ausführlichen Artikel über Dialektforschung, und es wäre schön, wenn im Laufe des Jahres noch weitere dazukämen.

Dryer, Matthew S. (2005): „Order of Subject, Object, and Verb“. In: Martin Haspelmath et al. (Hgg.): World Atlas of Language Structures. Oxford: Oxford University Press, 330-333.

Greenberg, Joseph H. (1963): „Some Universals of Grammar with Particular Reference to the Order of Meaningful Elements”. In: Joseph H. Greenberg (Hg.): Universals of Language. Cambridge (Mass.): MIT Press, 73-113.

14 Kommentare zu „Dossier “Sprachforschung” in der Stuttgarter Zeitung“

  1. Ich komme auch nicht drauf, wie sich die häufigere Nähe des Objekts zum Verb ergibt.

    Man kann natürlich versuchen, sie aus der unterschiedlichen Häufigkeit der Stellungen abzuleiten.

    Bei zwei Stellungen steht in jedem Fall das Objekt näher beim Verb: SOV mit 47% und VOS mit 2,5%. Macht zusammen schon einmal 49.5%.

    Bei zwei weiteren Stellungen steht auf jeden Fall das Subjekt näher am Verb: VSO mit 8% und OSV mit 0,4%, zusammen also nur 8,4%.

    Bei den letzten beiden scheinen Subjekt und Objekt zunächst gleich nah am Verb zu stehen: SVO mit 41% und OVS mit 0,8%. Man könnte nun vermuten, dass bei SVO-Sprachen Adverbien und andere Einschübe tendenziell zwischen Verb und Objekt stehen, damit würde das Subjekt hier näher beim Verb stehen (41% + 8,5% = 49,5%). Bei OVS bin ich mir nicht sicher, wo Adverbien stehen würden (schande, da ich über eine solche Sprache, Akawaio, selbst einmal geforscht habe, aber ich habe meine Grammatikskizze gerade nicht zur Hand). Es ist aber auch egal, da die 0,8% keinen großen Unterschied machen. Insgesamt würde ich also vermuten, dass sich Subjekt und Objekt typologisch gesehen bezüglich ihrer Nähe zum Verb nichts nehmen. Eigentlich schade, denn semantisch würde es ja einen Sinn ergeben, wenn das Objekt, das typischerweise durch die vom Verb bezeichnete Handlung beeinträchtigt wird, auch strukturell näher bei diesem stünde.

    Ich nehme aber an, dass du ohnehin Recht hast und hier eine Fehlinterpretation dessen vorliegt, was der Kollege von Heusinger hier gesagt hat.

    Was ich mich gerade frage: warum interviewt eigentlich niemand uns zum Thema „Jahr der Sprache“? Und warum hat Angela Merkel mir noch nicht den Posten des Wirtschaftsministers angeboten? Und wo bleibt der Anruf aus Hollywood?

  2. Nur einen weiteren kleinen Kommentar zum “Objekt näher am Verb”: Kann sich das auf gebundene Morpheme statt auf Wortstellung im Satz bezogen haben? Da scheint es tatsächlich so zu sein, dass Objektkongruenz (zusammen mit valenzverändernder Morphologie) näher am Verbstamm ausgedrückt wird als Subjektkongruenz. Begründet wird dies damit, dass Valenz und Objekte mehr mit der eigentlichen Semantik des Verbs zu tun haben als Subjekte…

  3. Nur einen weiteren kleinen Kommentar zum “Objekt näher am Verb”: Kann sich das auf gebundene Morpheme statt auf Wortstellung im Satz bezogen haben?

    Aber dann würden wohl keine 95 bis 98 Prozent zusammenkommen, dazu ist Objektkongruenz doch in den Sprachen der Welt gar nicht häufig genug?

    Da scheint es tatsächlich so zu sein, dass Objektkongruenz (zusammen mit valenzverändernder Morphologie) näher am Verbstamm ausgedrückt wird als Subjektkongruenz. Begründet wird dies damit, dass Valenz und Objekte mehr mit der eigentlichen Semantik des Verbs zu tun haben als Subjekte…

    Diese Begründung leuchtet mir voll und ganz ein. Deshalb wäre es ja so schön, wenn Objekte tatsächlich generell näher am Verb stehen würden!

  4. allerdings hört man in der gesprochenen Sprache auch „weil der Schal wärmt den Hals“.

    Was, das habe ich noch immer nicht kommentiert? :-)

    Also… in meinem Dialekt (äh… zentraloberösterreichische Verkehrsmundart) hat man freie Wahl, aber das habe ich immer darauf zurückgeführt, dass es dort kein denn gibt, denn denn, anders als weil, verlangt SVO — im Dialekt übernimmt weil die Funktion von denn mitsamt der Wortstellung.

  5. Korrekt ist natürlich “…, weil: der Schal wärmt den Hals.” Offensichtlich irrt doch wohl der den Doppelpunkt nicht vernehmende Hörer, nicht der Sprecher.

  6. Hm, was steht denn in deutschen Hauptsätzen in Wackernagel?
    Das flektierte Verb, in vielen Fällen ein Hilfsverb:
    “Ich habe die Zeitung gelesen” (SVOV)
    “Ich werde die Zeitung lesen” (SVOV)
    “Den Mann hat er gesehen [- nicht die Frau]” (OVSV)…
    Irgendwie steht immer ein Teil des Verbes hinten.

    Zum Thema Datenerhebung: Balthasar Bickel hat es mal so gesagt: Typologen grenzen die Stichproben ein: sie betrachten bei Wortstellung bspw. nur Hauptsatzstellung eines Aussagesatzes ohne Topic oder Focussierung und ohne komplexe Verben. Dann entstehen solche Zahlen wie bei Dreyer und das Deutsche wäre SOV. (Ich überlasse Ihnen aber die Entscheidung, wie allgemeingültig die Schlüsse sind, die man aus solch restriktiven Daten ziehen kann…)

  7. Es geht ja bei solchen Untersuchungen immer um “basic word order”, also was man die “unmarkierte” Wortstellung nennen kann. Generell verwendet man den Begriff “unmarkiert” ja am liebsten so, dass das die Fälle betrifft, die die vielfältigsten Anwendungsspielräume haben.
    “Er hat den Mann gesehen” kann in sehr vielen Kontexten geäussert werden. “Den Mann hat er gesehen” ist schon restringierter (es ist demnach auch ein Trugschluss, deutsche Wortstellung sei “frei” - tatsächlich hat sie einen erheblichen Einfluss auf die Informationsstruktur). Also ergibt es schon Sinn, Deutsch als SVO zu klassifizieren.

    Dass auch mit dieser Definition, besonders wenn man sie über sehr viele Sprachen anwendet, die man nicht alle so gut kennen kann, das Bild nicht ein wahnsinnig genaues sein wird, ist dann auch klar. Aber Gründe für solche Untersuchungen gibt es, denke ich, schon.

    “Daraus folgert der Linguist, so gut wie alle Sprecher und Hörer wollen erst über das Wichtigste, das Subjekt, Bescheid wissen und dann etwas über das Neue, das Objekt, erfahren.”
    Hängt natürlich damit zusammen, dass die grundlegendste und häufigste Form von Informationsstruktur in Sätzen Prädikatsfokus ist, d.h. Subjekt als Topic und der Rest im Fokus (deswegen gibt es diese starke Bindung zwischen Objekt und Verb, die in traditioneller/generativer Grammatik immer mit VPs zu erklären versucht wird). Da “topic first” eine häufige und schlüssige Tendenz ist, ergibt sich eben daraus auch in vielen Fällen “subject first”.

    Was ich mich aber schon ein paar Mal gefragt habe:
    Wie findet man die Grundwortstellung bei nicht-akkusativischen Sprachen heraus (Ergativsprachen, Split-S, Tagalog, …)? Müsste man nicht vielleicht (statt S und O) A(gens) und P(atiens) verwenden? Oder ist das implizit so gemeint?

  8. Umgekehrtes Beispiel: Ich habe irgendwo gelesen, es sei unmöglich, herauszufinden, ob Mandarin (als völlig isolierende Sprache) eine Nominativ-Akkusativ- oder eine Ergativ-Absolutiv-Sprache sei. Mandarin hat aber die unmarkierten Wortreihenfolgen agent-verb-patient und experiencer-verb, behandelt also agent und experiencer gleich, wie es Nominativ-Akkusativ-Sprachen tun… Viele (die meisten? alle?) weniger isolierende(n) sinotibetanischen Sprachen sind allerdings Ergativ-Absolutiv-Sprachen (Tibetanisch z. B.).

  9. Fände ich merkwürdig. Eine Sprache kann auch syntaktisch bzw. von der Wortstellung komplett einem System zuzuordnen sein. Englisch ist ja ein gutes Beispiel, das hat ja nur noch an Pronomen Kasusmarkierung und würde trotzdem nie ergativisch genannt werden.

  10. Englisch markiert Fälle an den Personalpronomen, und da ist leicht feststellbar, dass Nominativ und Akkusativ/Obliquus/was auch immer unterschieden werden. Mandarin markiert nur Einzahl/Mehrzahl an den Personalpronomen, und sonst garnichts. Nǐ ài wǒ, wǒ ài nǐ — “du liebst mich, ich liebe dich”. Die Wortstellung ist also wirklich alles, was man hier zur Klassifikation verwenden kann.

  11. Dann könnte ich ja Englisch auch split-ergativisch nennen, weil nur die Pronomen akkusativisch markiert würden (wie ganz ähnlich im Dyirbal), aber das ist ja unsinnig. Der Punkt ist doch - wieso sollte die Wortstellung kein genauso zuverlässiger Indikator für Ergativität/Akkusativität sein wie die Morphologie?

  12. An P.Frasa:
    Macht man doch: Bei uns im Strukturkurs hieß es, das Englische habe einen Split zwischen neutraler (bei Nomen, i.e. S=A=P, wobei S -”Single Argument”- das Subjekt des intransitiven, A -”agentative argument”- das Subjekt und P -”patientative Argument”- das Objekt des transitiven Verbes ist) und akkusativischer (bei Pronomen; S=A!=P) Aliniierung…
    Zum Thema Wortstellung: bei einigen Sprachen ist die Kasus-Aliniierung von anderen Faktoren abhängig als von der Definitheit der verbalen Argumente: im Hindi beispielsweise ist der Split vom Aspekt abhängig (ergativisch bei perfektivischem, akkusativisch bei nicht-perfektivischem Aspekt; Ergativisches Muster: S=P!=A). Und dann gibt es noch das Phänomen der syntaktischen Ergativität, an die nicht notgedrungen die morphologische (i.e. Kasus-)Ergativität gebunden ist.

  13. Dem stimme ich ja zu. Ich habe das als Argument gegen die Meinung verwendet, die einige größere Experten als ich vertreten, nämlich, dass man Mandarin nicht einordnen könne.

  14. Herr Schulz,
    das macht Englisch aber höchstens zu split-neutral-akkusativisch (oder wie auch immer man dem sagen will), nicht split-ergativisch (wie Dyirbal). Wenn man diese Bezeichnung überhaupt verwenden will, irgendwie finde ich nämlich, dass sie nicht viel leistet. “Isolierend” (bei vollen NPs jetzt) ist eine viel grifigere Bezeichnung, die darlegt, wieso grammatische Information nicht morphologisch ausgedrückt wird; und sicher darf man historisch den Grund für dieses Verhalten auch eher darin suchen, dass die Endungen einfach einmal fallengelassen wurden, als dass eine wirkliche Rekonzeptualisierung (von Akkusativisch zu Neutral) stattfand. Aber schlussendlich sind das auch nur noch Wortklaubereien.
    So Phänomene wie im Hindi (Split nach Tempus oder Aspekt) gibt es meines Wissens noch häufiger, ich glaub, im Georgischen trifft man das auch an.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.