Der Mensch als Wasser-Affe…

… und was das mit dem Ursprung der Sprache zu tun hat.

Seit dem 18. Jh. werden immer wieder neue Erklärungen des Sprachursprungs vorgeschlagen. Seit Darwins „Survival of the Fittest“ fragt man sich, welchen Überlebens-(Fortpflanzungs-) Vorteil die Sprachbegabung hatte und hat.

Besonders abenteuerlich erscheint die neuere These des aquatischen Affen. Ähnlich wie See­hunde, Wale, Delphine habe sich eine Gattung hominider Säugetiere ans Leben am und im Wasser gewöhnt. Mit dem Verschwinden der Wasserökologie hätten sie dann ihre vorherige Evolution als Landtiere fortgesetzt. Die Fettpolster des Menschen, der Verlust der Haare und der aufrechte Gang gelten als relevante Indizien. Carsten Niemitz (2004) schlägt einen Kom­promiss vor: Der Mensch habe nicht aufgehört, auf Bäumen Schutz zu suchen und sich an Land zu bewegen; seine Nahrung habe er aber größtenteils watend (und schwimmend) im Wasser gefunden. Dies sei der einzige plausible Weg, um den aufrechten Gang und das menschliche Laufen zu erklären. Einen direkten Übergang von Klettern und Knöchelgang der Schimpansen zum menschlichen Gang sei evolutionär unplausibel, da die Zwischenstufen nicht konkurrenz- und damit überlebensfähig gewesen wären.

Der aufrechte Gang wird aber seit Herder (1781) als Schlüssel zur Sprachwerdung gesehen. Ist somit die amphibische Lebensweise von Lucy und ihren Vorfahren der Schlüssel zum Sprachursprung?

Einige Anregungen zum Weiterdenken mögen genügen: Da der Körper teilweise (im Wasser) verdeckt ist, die Hände durch das Sammeln von Meerestieren (Schnecken, Fröschen, Kraken usw.) im Wasser besetzt sind, könnte die akustische Kommunikation (Warnen, Hinweisen, Koordination beim kollektiven Sammeln und Fischen) dominant geworden sein (die Körper­sprache und Gestik war sekundär geworden). Ungeklärt bleibt die Notwendigkeit einer differenzierten Lautsprache (mit größerem Lexikon und Syntax). Dies könnte aber das Ergebnis einer späte­ren Entwicklung gewesen sein, nachdem die Gattung wieder landbewohnend geworden war (z. B. nach dem Homo erectus und dessen Verbreitung in Afrika und Eurasien).

Fragen:

  • Gibt es Hinweise in den jetzigen Sprachen auf eine amphibische Phase der Menschwer­dung?
  • Stehen wir im Kommunikationsverhalten den Delphinen näher als den Schimpansen?

NIEMITZ, Carsten (2004). Das Geheimnis des aufrechten Gangs: unsere Evolution verlief anders. München: Beck.
HERDER, Johann Gottfried von (1781/1966). Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Darmstadt : Melzer. [HTML]

4 Kommentare zu „Der Mensch als Wasser-Affe…“

  1. Was nicht klar ist, ist, ob der aufrechte Gang überhaupt einer Erklärung bedarf. In den wenigen Fällen, in denen Gibbons nicht hangeln, sondern gehen, tun sie das aufrecht. Es ist vorgeschlagen worden, dass wir das einfach beibehalten haben.

    Andererseits hat Australopithecus afarensis gewisse Merkmale, die als Rudimente von Anpassungen an den Knöchelgang gedeutet worden sind. Ich weiß nicht, wie bzw. ob dieser Streit ausgegangen ist. Auf jeden Fall aber konnte Australopithecus gut klettern und schlief wahrscheinlich noch auf Bäumen.

    Gibt es Hinweise in den jetzigen Sprachen auf eine amphibische Phase der Menschwer­dung?

    Meines Wissens nicht, aber wieso auch? “Proto-World” kann doch kaum mehr als 100.000 Jahre alt sein; beim aufrechten Gang reden wir von über 5, wenn nicht 7 Millionen Jahren.

    Stehen wir im Kommunikationsverhalten den Delphinen näher als den Schimpansen?

    Habe nicht den Eindruck.

    Fossilien von wasserlebenden Hominiden fehlen bisher.

  2. diese Hypothese ist doch ganz comfortabel, wenn auch nicht stubenrein. Einiges könnte man sonst noch herzählen, was auch in diese Richtung weist:
    - die fehlende Angst vor, bzw. der Umgang mit dem Feuer, was das Überleben und die Dominanz an Land unterstützt hat
    - Entwicklung des Daumens
    - Entwicklung des Kehlkopfes
    (beides ohne Zwang nicht möglich )
    - Anathomie der Ohren
    - Kommunikation mit dem Zeigefinger, anteilige Kommunikation mit einem Partner, objektiv und subjektiv
    - unser Hang zu den Gestaden, millionenfach ( macht sonst keine Sau )

    Ich kann mir denken, eher uferlebend als wasserlebend. Mit Schutz hier oder da, je nach Gefahr. Der Biotop würde auch die Tatsache der wenigen bzw. nicht speziellen Fossilien erklären.

  3. Der Biotop würde auch die Tatsache der wenigen bzw. nicht speziellen Fossilien erklären.

    Im Gegenteil.

  4. Der biologische Teil mag interessant sein, die Mittel des Sprachforscher sollen es aber nicht weniger sein, denke ich: Was sind denn die ältesten Wörter, die wir benutzen? Welche grammatischen Regeln waren zuerst da? Könnte man das nicht aus den bekannten Situationen, aus denen, die wir von heute kennen, zurückverfolgend die Entwicklung dahin, bis zu dem Stand, den wir als frühesten kennen, nachverfolgen? Und von da dann eventuell Schlüsse auf die Herkunft oder eine Ähnlichkeit zu (bekanntem?) tierischen Gebaren ziehen?

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.