Si parla italiano

Vor einigen Tagen hat das italienische Parlament sich in erster Lesung dafür ausgesprochen, der italienischen Sprache Verfassungsrang zu gewähren. Die Nachrichtenagentur Reuters fand die Meldung geeignet für ihre Rubrik für skurrile Nachrichten („Odd News“). Aber wie Anatol Stefanowitsch kurz zuvor anhand der Debatte über die verfassungsrechtliche Stellung des Deutschen in Deutschland gezeigt hatte, gibt es da durchaus ernste Aspekte. Und zwischen der Lage in Deutschland und der in Italien lassen sich so manche Parallelen ziehen – bei einem aufschlussreichen Unterschied, was die politischen Vorzeichen angeht.

Wie in Deutschland gibt es in Italien eine bei Weitem dominierende Sprache, das Italienische, das sich auf der Basis des Toskanischen entwickelt hat. Wenn der wichtigste Name bei der Entstehung dessen, was wir heute Hochdeutsch, Standarddeutsch oder einfach Deutsch nennen, Luther war, so war es in Italien Dante. Wie Deutschland ist Italien im europäischen Rahmen ein relativ junger Nationalstaat, und bisher war in der italienischen Verfassung keine Amtssprache festgelegt. In der Praxis gibt es aber eine, und der einschlägige Artikel in der italienischsprachigen Wikipedia argumentiert, dass das Italienische implizit dadurch Amtssprache ist, dass die Verfassung eben in dieser Sprache verfasst ist. Daneben schreibt die italienische Verfassung die Anerkennung von Minderheitensprachen vor, und 1999 wurde vom Parlament festgelegt, welche das genau sind. Hier ist die Liste, nach Sprachfamilien sortiert:

1. Friulisch, 2. Ladinisch, 3. Sardisch
4. Okzitanisch, 5. Französisch, 6. Franko-Provenzalisch, 7. Katalanisch
8. Deutsch
9. Slovenisch, 10. Kroatisch
11. Albanisch
12. Griechisch

1 und 2 werden meist gemeinsam mit dem Rumantsch der Schweiz unter „Rhätoromanisch“ gefasst. Gemeinsam mit 3 und dem Italienischen bezeichnet man sie dann als „italoromanisch“. 4-7 sind galloromanische Varietäten. Die anderen Sprachen sind entfernter mit dem Italienischen verwandt: Sie sind ebenfalls indogermanisch, aber nicht romanisch.

Rechtlich dem Italienischen gleichgestellt sind das Deutsche in Südtirol und das Französische im Aostatal (durch die Gesetze der Regionen). Interessant wird es bei Artikel 5 des Gesetzes 26/90 der Region Piemont: Hier wird nämlich laut Wikipedia auch eine piemontesische Sprache genannt, die in der obigen Liste fehlt.

Warum das interessant ist? Nun, eine grundlegende Frage ist, was überhaupt eine Sprache ist und was ein Dialekt. Auch im Jahr 2007 müssten wir Linguisten die Politiker enttäuschen, sollten sie uns um eine einfache und wasserdichte Definition dieser Begriffe bitten. Vom berühmten Jiddisten Max Weinreich stammt der Satz A shprakh iz a dialekt mit an armey un flot ‚Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine’. Will sagen: Linguistisch betrachtet ist „das Italienische“ ein Dialekt unter vielen auf dem Stiefel (neben Venezianisch, Sizilianisch usw.), es ist nur aus Gründen der äußeren Sprachgeschichte gleicher als die anderen. Neben der Frage, wie groß die linguistische Distanz ist, spielen auch politische Grenzen und die Wahrnehmung der Sprecher selbst eine Rolle. In der Praxis sind Streitigkeiten unter Sprachwissenschaftlern darüber, was zwei distinkte Sprachen sind und was lediglich zwei Dialekte ein und derselben Sprache, eher selten, denn erstens hat sich meist im Laufe der Zeit ein Konsens ergeben und zweitens nehmen wir diese Unterscheidung nicht mehr so wichtig wie noch im 19. Jahrhundert. Scharfe Grenzen zwischen Sprachen sind seltener als Kontinua. Piemontesisch liegt z.B. in einem Kontinuum zwischen Toskanisch und Franko-Provenzalisch.

Der lange Vorspann war nötig, weil diese Fakten bei unserer Reuters-Geschichte wieder ins Spiel kommen. In Italien hat die Entscheidung, dem Italienischen Verfassungsrang einzuräumen, nämlich für einigen Wirbel gesorgt. Die linke Regierungspartei Rifondazione Comunista stellt einen Zusammenhang mit Überlegungen zur Einführung von Sprachtests für Migranten als Bedingung für die Vergabe der italienischen Staatsbürgerschaft her. Daneben kommt aus anderen Gründen Kritik von rechts: Eine Google-Suche zum Thema führt einen gleich zu mehreren identischen Versionen eines Interviews mit dem Abgeordneten Federico Bricolo von der Lega Nord. Der war nämlich strikt dagegen und sprach im Parlament so lange auf Venezianisch (seiner Muttersprache, wie er sagte), bis man ihm das Mikrofon abgedreht hat. Die Parteizeitung der Lega Nord zitiert den Parlamentspräsidenten Fausto Bertinotti, der darauf verwies, dass das Italienische qua Gewohnheitsrecht die alleinige Sprache des italienischen Parlaments sei.*

Jetzt hätte Bricolo eigentlich nur sagen müssen: „Na also, warum dann das ganze Bohei? Mit der Debatte landen wir noch in den ‚Odd News’ von Reuters!“ Tat er aber nicht und hängte die Sache stattdessen an die ganz große Glocke. Er und seine Parteifreunde sprachen u.a. von nationalistischer Intoleranz (intolleranza nazionalista), von der dieser Vorgang zeuge.

Das ist nun in der Tat „odd news“! Schließlich hat die Lega Nord in der Vergangenheit mit einer Partei namens Forza Italia und einer namens Alleanza Nazionale eine Regierungskoalition gebildet. Aber gerade an dieser Stelle ist ihr das Hemd näher als der Rock. Schließlich ist sie aus einer Unabhängigkeitsbewegung für Norditalien (von ihnen „Padanien“ genannt, nach der italienischen Bezeichnung für die Po-Ebene) entstanden. Ein solches Padanien wäre aus kultureller und sprachlicher Sicht nur deshalb homogener als Italien, weil es kleiner wäre, und eine padanische Sprache kann nicht mal die Lega Nord konstruieren. So gäbe es auch in einem unabhängigen Padanien Sprecher des Rhätoromanischen und nicht-romanischer Sprachen, und die Grenze zwischen Galloromanisch und Italoromanisch würde mitten durch dieses Land verlaufen. Also beruft sie sich jetzt auf den Stellenwert von „Sprachen“ wie Venezianisch oder Lombardisch. Nur, was sprachliche und kulturelle Vielfalt angeht, war Federico Bricolo bisher in erster Linie durch einen pauschalen Angriff auf arabischsprachige Muslime in Italien aufgefallen.

Es ist schon bemerkenswert, dass Markus Söder von der CSU und Federico Bricolo von der Lega Nord solch unterschiedliche Positionen vertreten. Beide Parteien verstehen sich als rechts von der Mitte und betonen ihre regionalen Wurzeln. Aber während sich die Lega Nord strikt gegen eine Verankerung des Italienischen in der Verfassung ausspricht, fordert Söder genau dies für das Deutsche. (Wobei er die regionale Komponente nur verbal nicht ganz unter den Tisch fallen lässt: Im gleichen Atemzug betont er zwar gerne, wie wichtig ihm die Bewahrung der Dialekte ist, nur in dem Fall, ohne eine politische Forderung damit zu verbinden.)

Aber dies ist ein Sprachblog, also ist meine Schlussfolgerung: Es wird immer wieder deutlich, dass das Thema Sprache bei vielen Menschen emotionale Reaktionen hervorruft. Man denke nur an den Streit um die Rechtschreibreform. In Deutschland fordern einige Politiker Verfassungsrang für das Deutsche, so hoch wird der Symbolwert der ohnehin dominierenden Sprache eingeschätzt. In Italien wird genau diese Entwicklung gerade vollzogen, und das Verfahren wird von anderen Vertretern einer vergleichbaren politischen Richtung vehement kritisiert. Und das obwohl beide Länder de facto längst eine Amtssprache haben und keine wirklich spürbaren Änderungen vorgesehen sind.

Eine umfangreiche Einordnung der Meldung aus Italien in die Geschichte der europäischen Sprachpolitik hat Mark Liberman ins Language Log gestellt.

* In den USA sprach übrigens 2005 ein Abgeordneter im Senat erstmals eine andere Sprache als Englisch: Es waren ganze drei Sätze auf Spanisch.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.