Langeweile ist Spannung

Die Fastfoodkette McDonalds plant in Großbritannien eine öffentliche Petition gegen die Definition des Begriffs McJob im Oxford English Dictionary. Dort wird das Wort nämlich so definiert (zumindest laut Financial Times, denn in der zwanzigbändigen Ausgabe, die neben meinem Toaster liegt, ist das Wort noch nicht verzeichnet):

an unstimulating, low-paid job with few prospects, esp. one created by the expansion of the service sector

eine langweilige, schlechtbezahlte Tätigkeit mit wenig Aufstiegschancen, besonders eine, der durch die Ausweitung des Dienstleistungssektors geschaffen wurde

Das McDonalds-Management kann diese Definition überhaupt nicht nachvollziehen. Die Financial Times zitiert aus einem Brief des McDonalds-Personalchefs für Nordeuropa, David Fairhurst:

We believe that it is out of date, out of touch with reality and most importantly it is insulting to those talented, committed, hard-working people who serve the public every day […] It’s time the dictionary definition of “McJob” changed to reflect a job that is stimulating, rewarding and offers genuine opportunities for career progression and skills that last a lifetime.

Wir glauben, dass diese Definition veraltet ist, keinen Bezug zur Realität hat, und vor allem, dass es eine Beleidigung der talentierten, hart arbeitenden Menschen ist, die jeden Tag die Öffentlichkeit bedienen. Es ist höchste Zeit, dass die Wörterbuchdefinition von „McJob“ so geändert wird, dass sie eine Tätigkeit beschreibt, die stimulierend und lohnend ist und die echte Gelegenheiten zum beruflichen Aufstieg ebenso bietet wie Fähigkeiten, die ein Leben lang nützlich sind.

Diese Aktion gibt uns Einblick in zwei sprachliche Alltagstheorien des McDonalds-Managements:

  1. Sprache wird von oben herab geregelt. Wenn die Macher des OED die Definition eines Wortes ändern, ändert sich damit auch die Bedeutung des Wortes.
  2. Sprache bestimmt die Wirklichkeit. Wenn man die Definition eines Wortes ändert, ändert man damit auch das, was durch das Wort bezeichnet wird.

Beide Theorien sind beliebt und beide sind falsch.

Die Theorie, dass Sprache von oben herab geregelt werden kann, zeigt sich an vielen Stellen, zum Beispiel jedesmal dann, wenn die Dudenredaktion ihre Wörterbücher oder Grammatiken an die sprachliche Wirklichkeit anpasst und dafür einen Sturm der Entrüstung erntet; oder auch, wenn unsere Freunde vom „Verein deutsche Sprache“ davon träumen, ein Pendant zur Académie Française zu gründen und uns die „Anglizismen“ per Strafbefehl auszutreiben. Tatsächlich verändert sich Sprache fast ausschließlich von unten. Zweihundert Jahre sprachpflegerische Agitation haben weder im großen Stil Fremdwörter verhindern noch das Verschwinden des Genitivs aufhalten können. Genausowenig würde die vorgeschlagene Umdefinition des McJob zu einer Bedeutungsveränderung in den Köpfen der Menschen führen.

Die Theorie, dass Sprache die Wirklichkeit bestimmt, findet sich in George Orwells 1984, wo Krieg zu Frieden, Freiheit zu Sklaverei und Ignoranz zu Stärke umdefiniert werden, sie zeigt sich aber auch, wenn der Stadtrat von New York das Wort Nigger verbietet oder das Innenministerium der USA das Wort Polar Bear aus dem Wortschatz von Staatsangestellten tilgen will. Manchmal wünscht man sich, dass es wirklich so leicht wäre und manchmal ist man froh, dass es nicht so ist. Denn tatsächlich bestimmt die Wirklichkeit weitestgehend die Sprache.

McDonalds hat also nur eine einzige Möglichkeit, die Bedeutung des Wortes McJob zu verändern: man muss vernünftige Arbeitszeiten, eine angemessene Bezahlung, attraktive Aufstiegschancen und berufliche Sicherheit schaffen. Dann bezeichnet McJob irgendwann einen Traumarbeitsplatz, und das wird sich dann auch im Oxford English Dictionary niederschlagen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.