„You sound Irish“

Letzte Woche hatte ich seit längerer Zeit mal wieder die Gelegenheit, mich mit einer Muttersprachlerin des Englischen zu unterhalten. Dabei habe ich einige Dinge gelernt, die mich überrascht haben. Möglich war das, weil mein Gast wusste, dass ich für jeden sprachlichen Hinweis dankbar sein würde und ihr klar war, dass ich nicht beleidigt reagieren würde. Im Gegenteil. Außerdem weiß ich jetzt, wie gute Printen schmecken und wo das Wort herkommt.

Ich fange mal mit dem an, was mein Gast von mir gelernt hat, nämlich dass man auf Deutsch redensartlich in die Tischkante beißt, wenn man sich über etwas ärgert. Das schien ihr, obwohl sie gut Deutsch spricht, ausgesprochen absurd. Natürlich beißen Deutsche sehr selten wirklich in eine Tischkante, aber die Redensart scheint mir völlig geläufig und ich meine, dass ich schon Leute diesen Ausdruck des Frustes mimisch habe andeuten sehen. Man kann ihn aber nicht einfach so übersetzen, zumindest nicht ins Englische. Vielleicht haben Zahnärzte in der englischsprachigen Welt bessere Aufklärungsarbeit geleistet. Jedenfalls würden Sprecher des Englischen auf den Tisch hauen, um ihrem Gemütszustand Ausdruck zu verleihen, aber niemals hineinbeißen. Wer so gut Englisch kann, dass sie oder er weiß, wie man „in die Tischkante beißen“ übersetzen könnte, möge bitte einen entsprechenden Kommentar hinterlassen.

Eine Falle, in die man noch leichter tappen kann, hat mit dem Wort drink zu tun. Eines Samstag gegen 13 Uhr schlug ich vor, in einem Bremer Cafe etwas zu trinken und dachte dabei an Kaffee oder Tee. Meine Frage „Would you like to have a drink here?“ führte allerdings dazu, dass mein Gast mich ansah wie ein kaputtes Auto. Ich hatte ihr nämlich versehentlich angeboten, ihr ein Bier oder ein anderes alkoholisches Getränk auszugeben. Natürlich wusste ich, dass das Wort „Drink“ im Deutschen hauptsächlich in schlechten Synchronspuren von US-amerikanischen Krimis vorkommt und fast immer ein Cocktail, Cognac oder Whiskey gemeint ist. Aber ich dachte, dass sich die Bedeutung des Wortes erst im Deutschen verengt hatte. Da lag ich falsch, und wie ich erfahren habe, wäre die Frage „Would you like to drink something here?“ völlig in Ordnung gewesen. Mit anderen Worten: drink als Verb bezeichnet irgendein Getränk, drink als Nomen enthält Alkohol.

Die nächste Wortverwechslung entstand wieder aus meinem Versuch, ein deutsches Wort 1:1 ins Englische zu übersetzen: „Informant“. Sprachwissenschaftler lesen viele Bücher und Fachaufsätze, aber manchmal will man etwas über eine Sprache wissen, das man nicht in gedruckten Quellen findet. Und dann sucht man sich jemanden, der Muttersprachler ist oder die Sprache so gut kennt, dass er sagen kann, wie man dies oder das ausdrücken würde. Einen Informanten eben. Ich hätte schwören können, das Wort informant mit genau dieser Bedeutung in einem sprachwissenschaftlichen Kontext gelesen zu haben. Aber mein Gast musste lachen, denn ein informant ist ein Überläufer, der z.B. einem Geheimdienst wichtige Details verrät. Im Grunde fast dasselbe, aber im Englischen nennt man einen linguistischen Informanten expert.

Bis hierher alles unspektakuläre und nachvollziehbare sprachliche Fehlleistungen meinerseits. Richtig baff war ich aber, als mein Gast auf einer Zugfahrt zu mir sagte: „You sound Irish.“ Ich muss deutlich hörbar gestutzt haben, denn sie schob nach, dass das ihrer Ansicht nach nichts Schlimmes sei.

Mein Gast spricht General American, eine Varietät des Englischen, die nur wenige Muttersprachler hat, weil man meistens, wenn man lange genug hinhört, irgendwelche Indizien findet und den Sprecher (wenn auch grob) auf einer Landkarte platzieren kann. Es gibt aber auch Sprecher, die in ihrer Jugend an so vielen verschiedenen Orten gelebt haben, dass sich Aussprache und Wortschatz so nivellieren, dass sie auch im Alltag klingen wie ein Nachrichtensprecher. (In Deutschland ist das mittlerweile der Normalzustand: Ich würde behaupten, dass man mir nur anhört, dass ich nördlich des Mains aufgewachsen bin, aber das könnte ebensogut Koblenz bedeuten wie Schwerin.)

Als ich 16 war, klang mein Englisch so, wie das Englisch eines deutschen Schülers eben klingt: annähernd britisch, aber doch sehr deutsch. Dann verbrachte ich ein Jahr als Austauschschüler in den USA, und Anfang der 90er wurde ich in England für einen Kanadier gehalten. Seither habe ich im Alltag (bis 2006) mehr Englisch gesprochen als Deutsch, aber nicht mit Muttersprachlern, sondern mit Belgiern, Niederländern, Polen, Türken, Chinesen, Indern und anderen Menschen, die sehr gut Englisch sprachen, aber weder britisch noch amerikanisch klangen.

Mein Englisch ist dadurch weder besser noch schlechter geworden, meine ich. Ich verstehe noch immer so gut wie alles und kann meistens auch das ausdrücken, was mir auf der Zunge liegt. Dass mein Englisch nicht mehr so amerikanisch klingt wie 1991 ist klar, und das stört mich auch nicht. Der Witz ist: Ich parodiere gelegentlich einige Varietäten des Englischen, nämlich indisches, karibisches und schottisches Englisch, aber gerade an das irische Englisch würde ich mich nie wagen. Ich weiß in etwa, wie es sich anhört, aber das reicht nicht, um es nachzumachen.

Ich wollte also wissen, warum ich für eine US-Amerikanerin irisch klinge. Um der Sache wirklich auf den Grund zu gehen, hätte ich wesentlich wissenschaftlicher vorgehen müssen als ich es getan habe, aber ich hatte Urlaub. Also habe ich die Videofunktion meiner Digitalkamera genutzt (sie nimmt auch den Ton auf, zwar relativ schlecht, aber besser als mein alter Kassettenrekorder) und eine Bekannte angerufen, die britisches Englisch im Stile einer BBC-Sprecherin spricht. Man nähert sich immer unbewusst an den Gesprächspartner an, aber in diesem Fall war die Interferenz minimal, denn RP (das „feinste“ britische Englisch) kann ich nicht mal imitieren.

Es kann eigentlich nicht sein, dass ich irisches Vokabular oder typisch irische grammatische Konstruktionen verwende, denn das irische Englisch, das ich in meinem Leben gehört habe, wurde durch die BBC gefiltert. Es muss also an der Phonetik liegen. Und mein Gast hat gut hingehört. Ich monophthongiere überraschend stark, noch stärker als US-Amerikaner. Nehmen wir das Wort gate. In der Standardaussprache, wie man sie bei der BBC hört, hat das Wort einen Diphthong, den es im Deutschen nicht gibt, den aber viele Deutsche aussprechen, wenn man sie anrempelt: „Ey?“ In Teilen Englands meint man fast das deutsche Wort „Ei“ an dieser Stelle zu hören, und es gibt auch Varietäten, in denen das Englische gate so klingt wie „geht“ im Deutschen. Dazu zählen das irische Englisch und eben auch mein Englisch.

Außerdem spreche ich interdentale Frikative nicht „korrekt“ aus, also die berühmt-berüchtigten THs. Ich wette, dass ich diese Laute genau so produziere, wie sie im Standard-Englischen und im Standard-Arabischen klingen sollten, wenn ich Arabisch unterrichte. Aber wenn ich Englisch spreche und nicht darauf achte, sind diese Laute tatsächlich verdammt nah am Verschlusslaut. Das führt aber dazu, dass ich diese „schwierigen“ Laute nicht durch [s] und [z] ersetze, wie ich es tun würde, wenn ich einen deutschen Akzent nachmachen würde, und auch nicht durch [f] und [v] wie ein Londoner, sondern durch [t] und [d], wie ein – man denke sich einen Trommelwirbel – Ire.

Man könnte jetzt lang und breit darüber spekulieren, ob das phonologische Inventar des Irischen ein Überbleibsel aus der Zeit ist, als in Europa Proto-Baskisch gesprochen wurde und ob es mir deshalb leichter fällt, Englisch zu sprechen wie ein Ire. Aber ich glaube, dass die Erklärung viel einfacher ist. Englisch ist eine typologisch (in diesem Zusammenhang ungefähr=sprachvergleichend) ausgesprochen exotische Sprache, besonders sein Vokalsystem. Es ist seit mehreren Jahrhunderten in Bewegung und weiß noch nicht so recht, wohin es will, und dass Nachrichtensprecher in den USA anders klingen als in England macht die Zielfindung nicht leichter.

Da ich mir keine Mühe gebe, wie ein amerikanischer oder wie ein britischer Nachrichtensprecher zu klingen, ist mein Englisch ein Mischmasch aus britischen, US-amerikanischen und kontinentaleuropäischen Einflüssen. Und das ist mir auch ganz recht. Es würde mich auch nicht sonderlich stören, wenn ich einen deutschen Akzent hätte. Wieso auch? Es hat mich zwar überrascht, dass ich einen pseudo-irischen Akzent habe, aber jeder hat einen Akzent (und wenn es der der Standardsprache ist, wenn es eine gibt), und ich habe nichts gegen Irland. In diesem Sinne: Sláinte!

Zum Schluss noch ein Ratespiel. Angenommen, Sie fahren mit einem Gast nach Aachen, weil der Dom schöner und geschichtsmächtiger ist als der zu Köln (ich entschuldige mich bei allen Kölnern!). Natürlich müssen sie auch Printen probieren. Sie werden gefragt, woher das Wort „Printe“ kommt, und ihr Kluge ist nicht zur Hand.

Also?

Die Antwort ist nicht besonders erstaunlich, aber wer sie weiß, ohne nachzuschlagen, sollte in Erwägung ziehen, mal bei einem Fernsehquiz mitzumachen. Gutes Allgemeinwissen in Sachen Sprache ist vorhanden!

5 Kommentare zu „„You sound Irish““

  1. nämlich dass man auf Deutsch redensartlich in die Tischkante beißt

    Aha… interessant… nie gehört. Dürfte nördlich des Weißwurstäquators beheimatet sein. (Obwohl mir die Redensart sofort einleuchtet.)

  2. Die Redensart “in die Tischkante beißen” kenne ich ausschließlich von den ITler im Usenet. Ich schätze, die hat sich von de.alt.sysadmin.recovery aus verbreitet.

  3. Es wird nach meinem Empfinden zwar nicht (mehr?) besonders häufig in die Tischkante gebissen, aber ein Begriff ist mir die Redewendung allemal (und es ist mir auch noch häufig ein Bedürfnis, auch wenn man nicht so oft drüber redet…). Ich würde sie allerdings nicht mit einfachem Ärger assoziieren sondern mit Frust und Verzweiflung über etwas, was sich der eigenen Kontrolle entzieht obwohl es das nicht soll. Insofern ist die Verbindung zur IT sehr naheliegend.

    Ich bin mir allerdings recht sicher, spätestens in den 80ern Donald Duck beim beissen in die Tischkante gesehen zu haben, insofern wäre ich überrascht, wenn sich die Wendung aus dem Usenet verbreitet hätte. (Ob der Cartoon nördlich oder südlich der Weisswurst gezeichnet wurde oder überhaupt in D weiss ich allerdings nicht.)

  4. Stimmt. An diese Szene in einem Donald-Duck-Comic kann ich mich auch erinnern. Die Zeichner und Autoren von Duck-Comics stammen aber in weit über 95% der Fälle (vorsichtig geschätzt) nicht aus Deutschland, sondern häufig aus den USA oder dem benachbarten europäischen Ausland.

  5. Hallo,

    da ich mich nach der Entdeckung dieses Blogs jetzt allmählich durch dessen Vergangenheit wühle, trage ich zu vorgerücktem Datum noch zwei Anekdoten bei (und anekdotische Evidenz ist keine solide Basis für wissenschaftliches Arbeiten, macht aber Spaß):

    1. Als ich mnoch deutlich jünger war, dh im Sommer nach dem Abitur, trampte (!) ich durch Großbritannien und Irland. Irgendwann und irgendwo in Westirland, im Auto eines Ehepaars aus Kent oder so (jedenfalls südöstliches England), kam die Frage “You’re a Canadian, aren’t you?” Ich kann mir das nur so erklären, dass ich nach vier Wochen auf den Inseln ein Potpourri sprach, das sich aus Schulenglisch (damals jedenfalls war God’s own English das hehre Ziel des Englisch-Unterrichts), aus Pop- und Rockmusik abgehörtem amerikanischem Sound und dem Einfluss der natives zusammensetzte und außerdem ziemlich flüssig klang. Und die nette Beifahrerin konnte mich nicht so recht einschätzen, so dass Kanada als ein “in-between” zwischen dem Mutterland und den abtrünnigen Kolonisten durchaus in Frage kam.

    2. So etwa zehn Jahre nach diesem Ereignis radelte ich durch Schweden. Zu Anfang des Urlaubs hatte ich einige Tage in Stockholm mit meiner dort aufgewachsenen Cousine und ihren Freunden verbracht und mir so dies und das aus dem lokalen Slang angeeignet. Am Ende der Reise, sozusagen am Strand des Kattegats, vermutete ein Schwede “du är inte svensk, men du bor i Stockholm” (du bist kein Schwede, aber du lebst in Stockholm).

    Offenbar erregt man bei entsprechend interessierten Muttersprachlern eine gewisse Neugierde, wenn man ihre Sprache ziemlich flüssig spricht, sie aber nicht so recht wissen, was sie davon halten sollen…

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.