Learnings in Demut

Wie die meisten Sprachwissenschaftler bin ich ein radikaler sprachlicher Deskriptivist. Kurz gesagt bedeutet das, dass ich mich in Bezug auf Sprache grundsätzlich jedes Werturteils enthalte. Wenn ich einem neuen sprachlichen Phänomen, gleich welcher Art, begegne, frage ich mich nicht „Ist das eigentlich richtiges Deutsch/Englisch/usw.?“ oder „Darf man das als gebildeter Mensch sagen?“ oder „Sollte man das nicht lieber verbieten?“, sondern ich frage mich „Woher kommt das? Wie funktioniert das? Warum gibt es das?“. (Das Gegenteil von Deskriptivisten sind Präskriptivisten — Menschen, die anderen gerne Vorschriften machen, zum Beispiel über Dativ und Genitiv, über gute und böse Lehnwörter, oder auch darüber, mit welcher Gabel man Suppe essen darf.)

Zum Teil bin ich natürlich deshalb Deskriptivist, weil ein Wissenschaftler grundsätzlich gut beraten ist, seinem Untersuchungsgegenstand gegenüber eine neutrale Haltung einzunehmen (ideologischer Eifer wirkt nun einmal etwas verblendend). Aber hauptsächlich bin ich Deskriptivist, weil die präskriptiven Impulse, die natürlich auch mich von Zeit zu Zeit befallen, sich meistens als Schnellschüsse meinerseits herausstellen.

So sitze ich z.B. heute morgen beim Frühstück und surfe nebenbei ein bisschen durch die Bloglandschaft, als ich das hier lese:

Dazu muss ich erläutern, dass ich im Laufe der Zeit mit mehreren studentischen Gruppen unterschiedliche Einsatzszenarien ausprobiert habe. Ein paar Learnings (eine erste Sammlung): …

„Ein paar Learnings“ — das weckt präskriptive Gelüste. Was mich hier stört ist nicht die Tatsache, dass der Autor ein englisches Lehnwort verwendet (obwohl es ein Wort wie „Erkenntnisse“ oder „Einsichten“ wohl auch getan hätte). Nein, was mich stört ist, dass dieses Lehnwort so klingt als ob es entweder (a) gar kein echtes Lehnwort sondern nur ein billiges „Imitat“ ist, oder noch schlimmer, als ob es sich (b) um ein inhaltsleeres Schlagwort handelt, das sich findige Unternehmensberater und/oder Medienmacher und/oder Kommunikationsmenschen ausgedacht haben, um die Tatsache zu übertünchen, dass sie eben nichts gelernt haben.

Eine Google-Suche zeigt schnell, dass das Wort im englischen Sprachraum durchaus zu finden ist. Meine Theorie mit dem Imitat ist also schon einmal vom Tisch. Dafür bestätigt sich schnell meine zweite Vermutung — das Wort taucht genau in den unternehmerischen, medienmachenden, kommunikationsmenschelnden Zusammenhängen auf, in denen ich es vermutet habe.

Das Wort erregt auch schon seit längerem den Ärger englischsprachiger Sprachverbesserer. Schon im Jahr 2000 schreibt der erklärte Jargonjäger Tony Proscio:

Foundations are far from alone in their fascination with LEARNINGS, the plural form of a noun meaning “something learned.” It is certainly correct to use the word as a noun, though the usage is still uncommon outside of business schools, consulting firms, and (lately) foundations. … Like most jargon, LEARNINGS is used too often, and consequently is used where something simpler would do just as nicely, without seeming to promise undue surprises and wonders.

Und ein Unternehmensberater namens Jeffrey Mc Manus behauptet in seinem Blog:

‘Learnings’ Is A Stupid, Stupid Word
Attention, Masters of Business Administration of Corporate America: Quit using the word ‘learnings’. It makes you sound really stupid. The word you really want is ‘lessons’.
Your pal,
Jeffrey

Einer seiner Leser stimmt ihm zu und fügt hinzu: “Messrs. Webster, Chambers and Collins deny all knowledge of ‘learnings’. Case closed!” (Webster, Chambers und Collins sind Wörterbücher).

Ich fühle mich also in meiner negativen Reaktion bestätigt und will mir gerade auf die Schulter klopfen. Aber auf dieser Schulter sitzt natürlich mein Advocatus Diaboli, und der flüstert mir ins Ohr: „Aber, aber, du wirst doch nicht unbesehen sprachliche Geschmacksurteile von Unternehmensberatern übernehmen? Du bist doch Wissenschaftler…“.

Natürlich, und so greife ich zum ehrwürdigen Oxford English Dictionary, Band L-M (ich habe immer alle zwanzig Bände neben dem Toaster liegen) und schlage unter learning nach. Und was finde ich dort:

2. What is learnt or taught: a. a lesson, instruction; b. information or direction; …

Es gibt das Wort also doch, mit genau der richtigen Bedeutung, Webster, Chambers und Collins zum Trotz. Aber sicher ist es trotzdem ein alberner Neologismus? Das lässt sich leicht herausfinden, denn das OED gibt zu jedem Wort den frühesten bekannten Beleg und eine Auswahl weiterer typischer Belege an. Und der früheste Beleg für das Substantiv learning stammt nicht aus dem 21. Jahrhundert, nicht aus dem 20. Jahrhundert, nicht aus dem 19. Jahrhundert — er stammt aus dem 14. Jahrhundert:

1362 That nis no treuthe of trinite but..a leornyng for lewed men …
Das ist nicht die Wahrheit der Dreifaltigkeit, sondern eine Lektion für ungebildete Menschen.

Und eine Zeile weiter endet mein präskriptiver Ausflug endgültig — der Barde selbst, der große William Shakespeare, hat das Wort verwendet:

The king..Puts to him all the Learnings that his time Could make him the receiuer of. (Cymbeline, Erster Akt, erste Szene).
Der König … setzt ihm all das Wissen vor, das seine Zeit (sein Alter?) ihm zu empfangen erlaubt.

Es gibt also nichts, aber auch gar nichts an dem Wort learnings auszusetzen. In Wirklichkeit haben mich nur die unternehmensberaterischen Konnotationen gestört — aber das ist mein Problem, denn die englische Sprache ist nicht verantwortlich für meine Vorurteile gegenüber Unternehmensberatern.

6 Kommentare zu „Learnings in Demut“

  1. Herzlichen Dank für die lehrreiche Auseinandersetzung, die mich (obwohl ich den Begriff wohl nicht ganz so verkehrt eingesetzt habe) zu Recht daran gemahnt, mit (Pseudo-)Anglizismen zurückhaltender zu sein. Da ich mich täglich sehr viel im Internet bewege, wo der Wechsel zwischen englisch und deutsch laufend stattfindet und wo sich (ein altes Argument, ich weiß) für vieles Neue nur englische Begriffe einbürgern, lösen sich manchmal auch beim Schreiben Sprachgrenzen nahezu auf. Dennoch: Ich bemühe mich um Besserung!

  2. Um Gottes Willen, Herr Pleil, einen zurückhaltenden Umgang mit „Anglizismen“ anzumahnen wäre das Letzte, was mir in den Sinn käme! Mir ist es am liebsten, wenn jede/r so spricht und schreibt, wie ihm/ihr der Schnabel gewachsen ist. Wichtiger ist für mich, ob jemand inhaltlich etwas beisteuern kann, und Ihr Beitrag über die Verwendung von Wikis in Seminaren war für mich sehr interessant.

    Es ging mir nicht darum, dass Learnings ein englisches Lehnwort ist, sondern darum, zu zeigen, dass sprachmahnerisches Verhalten im Allgemeinen auf die Ignoranz des Mahners zurückzuführen ist.

    Sie sagen es selbst: Wörter werden ganz natürlich in Situationen entlehnt, in denen Sprachkontakt oder -wechsel besteht. Wenn die Entlehnungen eine sinnvolle Funktion erfüllen, bleiben sie, wenn nicht, verschwinden sie von ganz alleine wieder.

  3. Das ist eine sehr entspannte Sicht der Dinge :-)

    Vielleicht habe ich es missverständlich ausgedrückt: Ich habe aus Ihrem Beitrag keine Mahnung von Ihnen verspürt (keine Sorge also), sondern ihn eher zum Anlass genommen, mich selbst zu mahnen. Denn ich gebe zu, dass ich mich gelegentlich schon dabei ertappe, mich etwas seltsam zu fühlen, wenn ich z.B. gerade einen Web 2.0-Vortrag gehalten habe, der für Außenstehende allein schon sprachlich aus reinstem Kauderwelsch besteht ;-) Deshalb verfalle ich immer wieder mal in Phasen der Selbstermahnung…

  4. Deskriptiv schön und gut. Aber welche hintergründige Annahme steckt dahinter, dass Wörter, die Shakespeare verwendet hat, in jeglichem Kontext passend sind. Das wird hier doch suggeriert.

  5. cri, hinter dem historischen Exkurs steckt zunächst ganz vordergründig, dass die Jargonjäger sich irren, wenn sie Learning/s als neumodisches BWL-Geplapper abtun. Hintergründig ging es mir natürlich darum, Shakespeares dichterischen Heiligenschein als Totschlagargument zu verwenden. Trotzdem glaube ich nicht, dass ich hier suggeriert habe, Shakespearsche Wörter seien in jedem Kontext passend. Aber im Fall von Learning/s sehe ich keine stilistischen oder semantischen Einwände gegen die moderne Verwendung.

  6. Ja, die Jargonjäger irren sich darin. Allerdings Wörter im aktuellen Gebrauch, sind ja nicht unbedingt neuerfundene Wörter. Auch ein Wort, das Shakespeare verwendet hat, kann sich zu einem öden Consulting-/Werbeschlagwort wandeln.
    Ich finde “Learnings” schon ziemlich albern. Ich würde stattdessen empfehlen: “Guckt mal, ich hab eine Menge englischer Fachliteratur gelesen.”

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.