Ein Fall für alle Fälle

Manchmal finden wohlmeinende Menschen, als Linguist in einem anglistisch-amerikanistischen Studiengang sollte ich auch ein wenig über die Klassiker der amerikanischen Literatur wissen und schenken mir dann „gute“ Bücher, die den „Schund“, den ich sonst lese, wenigstens ergänzen sollen (über den Vorwurf mit dem „Schund“ schreibe ich ein andermal).

So erhielt ich zu meinem letzten Geburtstag den jüngsten Roman des US-amerikanischen Schriftstellers John Irving, Until I Find You (dt. „Bis ich dich finde“). Nun bin ich nicht der größte Irving-Fan der Welt — die sich ständig wiederholenden Motorräder, Prostituierten und Zirkusbären können einem irgendwann ziemlich auf die Nerven gehen. Trotzdem wollte ich es, um der lieben Person willen, die mir das Buch geschenkt hat, mal wieder versuchen. Ich weiß, ehrlich gesagt, noch nicht, ob ich es durchhalte, denn nach einem interessanten Anfang (unter Tätowierungskünstlern) ist die Handlung schnell wieder bei den altbekannten Huren im Amsterdamer Rotlichtviertel angelangt, die schon in Widow for One Year (dt. „Witwe für ein Jahr“) wenig zur Geschichte beigetragen haben.

Aber es geht ja gar nicht darum, John Irvings Motivauswahl zu kritisieren, sondern um einen sprachwissenschaftlich interessanten Absatz, über den ich beim Lesen gestolpert bin:

Rademaker liked Dylan, too. He called Dylan by his real name, which he always said in the German way — as it would turn out, incorrectly.
    “Shall we listen again to der Zimmermann?” Tattoo Theo would say, winking at Jack, who was in charge of playing the old albums. (In German, one listens to den Zimmermann.)

Zunächst war für mich klar, dass Irving hier natürlich Unrecht hat: meiner Meinung nach, one listens to dem Zimmermann in German, denn listen to bedeutet „zuhören“, und zuhören erfordert ein Dativobjekt (Wem hören wir zu? Dem Zimmermann). Dann wurde mir klar, dass die Sache komplizierter ist: im Deutschen spricht man über das Musikhören nicht mit Sätzen wie „Ich höre gerade Bob Dylan zu“, sondern man sagt „Ich höre gerade Bob Dylan“. Hören erfordert aber tatsächlich den Akkusativ (Wen/was hörst du? Den Zimmerann). Irving stand also vor dem Problem, ob er den Kasus zuweist, den die Übersetzung des englischen Verbs listen erfordern würde, oder den, den das üblicherweise verwendete Verb hören verlangt.

Beide Möglichkeiten scheinen mir gleichermaßen logisch. Trotzdem hat die zitierte Passage meinen Lesefluss ins Stocken gebracht, irgendetwas hakt an Irvings Lösung also.

Das Problem ist nämlich noch viel komplexer: obwohl das Deutsche und das Englische vor tausend Jahren strukturell noch weitgehend identisch waren, hat sich das in der Zwischenzeit so drastisch geändert, dass die Kasussysteme der beiden Sprachen sich nicht mehr aufeinander abbilden lassen: das Englische hat zwei Fälle, die man in der englischen Grammatik „Subjective Case“ und „Objective Case“ nennt, da einer eben das Subjekt markiert, während der andere für alles andere verwendet wird (We [subjective] heard him [objective], We listened to him, We enjoyed him). Im Deutschen gibt es vier Fälle, die nach dem Vorbild des Lateinischen „Nominativ“, „Akkusativ“, „Dativ“ und „Genitiv“ genannt werden. Der Nominativ markiert Subjekte, die anderen drei Fälle markieren alles andere (Wir [Nominativ] hörten ihn [Akkusativ], Wir hörten ihm [Dativ] zu, Wir erfreuten uns seiner [Genitiv]). Der englische Objective Case, der im Englischen alle Satzglieder außer dem Subjekt markiert, entspricht also, je nachdem, mit welchem Verb wir es im Deutschen zu tun haben, dem Akkusativ, dem Dativ oder dem Genitiv.

Wenn wir die Sprachen nun mischen, so wie es Tattoo Theo in Irvings Roman macht, stellt sich also die Frage, ob wir überhaupt versuchen sollten, den „richtigen“ Kasus zu wählen — das Englische hilft uns hier nicht weiter und die deutsche Übersetzung des englischen Satzes kann auch nicht als Modell herhalten, ohne hakelige Sätze zu produzieren.

Wir können also ebensogut überhaupt keinen Kasus zuweisen. Dann müssen wir die sogenannte „Zitatform“ verwenden, die Form also, die wir in einem Wörterbuch erwarten würden. Das ist im Deutschen die Nominativform (in einem Wörterbuch würde stehen: „Mann, der“ nicht „Mann, den“ oder „Mann, dem“). Der Nominativ ist also die „Grundform“, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn kein Kasus zugewiesen werden kann. Das scheint bei Tatoo Theos Verwendung der Fall zu sein und deshalb ist seine Formulierung Shall we listen to der Zimmermann aus sprachwissenschaftlicher Sicht eine gute Wahl.

4 Kommentare zu „Ein Fall für alle Fälle“

  1. Sie schreiben „das Englische hat zwei Fälle“, aber hat es nicht auch einen Genitiv, also drei Fälle?

  2. Frau Zammert, das ist eine berechtigte Frage. Das, was im Englischen als „Genitiv“ bezeichnet wird, mag sich aus dem altenglischen Genitiv entwickelt haben (obwohl selbst darüber Zweifel besteht), aber es kann aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht (mehr) als Kasus betrachtet werden.

    Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, von denen einige sehr theorieabhängig sind. Ein Grund, der sofort einleuchtet, ist jedoch der: Kasus ist eine Kategorie, die sich auf Substantive bezieht — Fälle werden duch ein Suffix an dem Substantiv markiert, dass den Kasus trägt. Das englischen „Genitiv“-s ist aber kein solches Suffix, denn es hängt nicht an dem eigentlich markierten Substantiv. Bei einfachen Beispielen merkt man das nicht: Jane’s brother oder my neigbor’s car sehen so aus, als ob das ’s an den Substantiven Jane und neighbor hinge. Bei komplexeren Beispielen sieht es aber ganz anders aus: wenn Jane eine Schwester Jill hat, kann ich von Jane and Jill’s brother sprechen — das ’s bezieht sich dann nicht nur auf Jill sondern auf die Phrase Jane and Jill (im Deutschen müssten beide Substantive mit dem Genitiv markiert sein: Janes und Jills Bruder). Es kommt noch toller: statt my neighbor’s car kann ich auch the people who live next door’s car sagen. Das ’s sieht hier so aus, als ob es an door hängt, aber das wäre natürlich unsinnig, denn das Auto gehört nicht der Tür, sondern den Menschen hinter dieser Tür. Es bezieht sich also auf den „Kopf“ der Phrase the people who live next door (der Kopf einer Phrase ist das Hauptelement, also dasjenige Wort, das durch die anderen Bestandteile der Phrase modifiziert wird).

    Die Regel ist also, dass das ’s an der Nominalphrase hängt, deren Kopf das Substantiv ist, auf das es sich bezieht. So etwas kann ein Suffix nicht und da Kasus in den indoeuropäischen Sprachen (wo vorhanden) als Suffix auftritt, kann ’s kein Kasus sein. Klingt komisch, ist aber so…

  3. Du gehst hier davon aus, daß “hören” nicht die korrekte Übersetzung für “to listen” ist. Das aber scheint mir sehr zweifelhaft (um nicht zu sagen: falsch) zu sein. “to listen to the radio” heißt “Radio hören” (mit Akkusativ!). Im konkreten Fall mit dem Zimmermann mag es richtig sein, “zuhören” als einzig korrekte Übersetzung auszurufen, aber diese Erkenntnis kann man von einem Nichtmuttersprachler unmöglich fordern. :)

  4. Buntklicker, ich gehe keineswegs davon aus, dass hören nicht die korrekte Übersetzung von listen to ist. Im Gegenteil:

    Dann wurde mir klar, dass die Sache komplizierter ist: im Deutschen spricht man über das Musikhören nicht mit Sätzen wie „Ich höre gerade Bob Dylan zu“, sondern man sagt „Ich höre gerade Bob Dylan“. Hören erfordert aber tatsächlich den Akkusativ (Wen/was hörst du? Den Zimmerann).

    Es ging mir gerade darum, dass für Irving das Problem darin bestand, zwischen zwei Übersetzungen von listen to zu wählen: einer wortgetreuen und einer, die den Kontext berücksichtigt.

    Nun aber zu dem eigentlich interessanten Punkt: „…aber diese Erkenntnis kann man von einem Nichtmuttersprachler unmöglich fordern“. Ist das so? Wenn Irving sich schon die Mühe macht, eine seiner Figuren eine deutsche Nominalphrase verwenden zu lassen und wenn er dann die Wahl des Kasus auch noch explizit thematisiert, kann man dann nicht fordern, dass er die Sache sorgfältig durchdenkt und vielleicht mit jemandem bespricht, der sich damit auskennt? Da er mit der Motivsuche ja nicht so viel Zeit verbringt, müsste das doch drin sein (verflixt, und ich hatte mir fest vorgenommen, Irvings literarische Qualitäten nicht mehr in Frage zu stellen… Um das wieder gut zu machen: ich finde, „Owen Meany“ ist ein Meisterwerk! Wirklich!).

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.