(Statt einer) Presseschau

Schon wieder eine „Slow News Week“ aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Die einzige Zeitungsmeldung (oder eher Zeitungsente) haben wir schon abgehandelt. Deshalb nutze ich die Presseschau diesmal, um über eine Meldung zum Thema Sprache zu schreiben, bei dem eine sprachwissenschaftliche Stellungnahme ausblieb, obwohl man sie vielleicht erwartet hätte.

Der Stadtrat von New York hat eine Resolution verabschiedet, nach der das Wort Nigger aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwinden soll. Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass Einigkeit darüber besteht, dass das kein schönes Wort ist und dass man es deshalb vermeiden sollte. Das „N-Wort“, wie es die Amerikaner verschämt nennen, ist ohnehin eins der am stärksten tabuisierten Wörter des amerikanischen Englisch, und seine unbedachte Verwendung kann Karrieren zerstören, wie beispielsweise der Seinfeld-Star Michael Richards jüngst herausfinden musste.

Ich habe mich deshalb zunächst darüber gewundert, dass eine solche Resolution überhaupt für notwendig erachtet wird. Aber mir wurde schnell klar, worum es eigentlich geht:

Der Beschluss ist allerdings nicht bindend. Die Initiatoren wollen aber erreichen, dass Musiker, die das Wort gebrauchen, künftig nicht mehr für den Grammy nominiert werden. In Amerika war das Wort „Nigger“ lange verpönt. Vor allem die HipHop-Musik hat es bei jungen Leuten aber wieder salonfähig gemacht.

Ich kann mich nicht erinnern, dass je ein weißer Musiker, der das Wort Nigger verwendet hat, für einen Grammy nominiert war. Es geht bei der Resolution also darum, afro-amerikanischen Musikern zu verbieten, sich selbst in ihren Texten als Nigger zu bezeichnen! Das ist schon ein Meisterstück fehlgeleiteter Sprachregulierung.

Wie gesagt, Sprachwissenschaftler kamen in der deutschen Presse nicht zu Wort. Was hätten die gesagt? Nun, zunächst hätten sie wahrscheinlich darauf hingewiesen, dass es nicht viel Sinn hat, Sprache zu regulieren, wenn die dahinterliegende gesellschaftliche Wirklichkeit unverändert bleibt. Solange Afroamerikaner in der Wahrnehmung der Mehrheit negativ stereotypisiert sind, wird jeder Begriff, mit dem man sie bezeichnet, diese negativen Assoziationen annehmen. Das war bei Negro so (ein Begriff, den Martin Luther King noch ohne Schwierigkeiten verwendete), dass war bei Black und Black American so, und das wird vielleicht sogar bei dem derzeitig akzeptierten Begriff African American so sein. Der Psycholinguist Steven Pinker hat diesem altbekannten Phänomen den treffenden Namen „Euphemism Treadmill“ gegeben. Allerdings dürften Afroamerikaner in angesehenen Positionen, wie Colin Powell und Condoleezza Rice, viel dazu beigetragen haben, negative Stereotype abzubauen, so dass eine Chance besteht, die Tretmühle anzuhalten.

In der amerikanischen Berichterstattung sind Sprachwissenschaftler auch nicht zu Wort gekommen, aber die kanadische National Post zitiert John McWhorter, einen Experten für Kreolsprachen und den Dialekt der Afroamerikaner. Der kritisiert, dass die Mitglieder des Stadtrates eine Entwicklung verschlafen haben, in der sich das Wort Nigger, wenn es von Afroamerikanern verwendet wird, von einem rassistischen Schimpfwort zu einem Kosewort gewandelt hat (ich übersetze die entsprechenden Passagen):

„Es ist ein brandneues Wort“, sagte John McWhorter, Senior Fellow am Manhattan Institute for Policy Research, einer New Yorker Denkfabrik. „Die Leute, die [dieses Verbot fordern] — ich weiß, dass sie das Richtige tun wollen. Aber sie hören der Sprache nicht mit jungen Ohren zu. Sie hören das Wort mit einer Bedeutung, die nicht beabsichtigt ist“. … Unter männlichen Schwarzen bedeutet es mittlerweile etwa soviel wie „Bruder“ oder „mein Lieber“, sagte McWhorter.

Und der Kommunikationswissenschaftler Charlton McIllwain weist darauf hin, dass man diese positive Entwicklung unterbricht, wenn man das Wort verbietet:

„Mit dem Verbot ist gleich die ganze Diskussion um die Bedeutung des Wortes vom Tisch“, sagte Charlton McIlwain … „Damit wird praktisch garantiert, dass der Begriff immer seine beleidigende Kraft behalten wird.“

Das ist eine äußerst interessante Perspektive, auf die ich als Außenstehender wohl nicht gekommen wäre. Der Prozess, den McWhorter und McIlwain ansprechen, ist aber schon einmal zu beobachten gewesen: Das Wort black war ebenfalls auf dem besten Wege, positive Assoziationen anzunehmen. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung hat es offensiv verwendet, z.B. in Begriffen und Slogans wie black pride, black is beautiful und black power. Diese Entwicklung wurde abgewürgt, als wohlmeinende (?) Menschen darauf bestanden, dass der Begriff schwarz an sich schon negativ belegt und deshalb zu meiden sei.

2 Kommentare zu „(Statt einer) Presseschau“

  1. Nun ja, das Problem stellt sich ja nicht nur in Amerika, hier ist es mindestens genauso groß. Früher, in den 60er Jahren spielten die Mädchen noch mit Negerpuppen und es gab den Negerkuss, ohne sich etwas Schlimmes oder Diffamierendes dabei zu denken. Heute muss man sich schon genau umschauen, möchte man sich über einen Negroiden unterhalten. Irgend ein selbsternannter Moralapostel wird sonst schon dazwischen funken - wohlmeinend natürlich. Was antwortet denn nun - vielleicht mitten im gut besuchten McDonald´s - eine Mutter ihrem vier Jahre alten Kind, welches noch nie einen Neger gesehen hat, auf die laute Frage: “Mama, was ist das für ein schwarzer Mann?” “Schatz, das ist ein Ultrapigmentierter.”???
    Den Negern zu verbieten sich Nigger zu nennen, zeigt schon die Unbeholfenheit der weißen (regierenden/bestimmenden) Bevölkerung.
    Wenn Nigger dann auch “mein Lieber” heißen soll, bezeichne ich meinen Freund demnächst als “Nigger” - oder lieber doch nicht, er ist größer und stärker als ich.
    Mit “Africa American” werden sich wohl die wenigsten angesprochen fühlen, da in Amerika kaum ein Schwarzer/Neger/Farbiger/Negroid noch in Afrika geboren wurde. In den Schulen in Amerika werden sie übrigens “Coloured” genannt. Zumindest so um Washington herum. Wie das in New Orleans ist, vermag ich nicht zu sagen.

    Viele Grüße

    Mike Seeger

  2. Herr Seeger, lassen Sie mich der Reihe nach auf Ihre Bemerkungen antworten. Zunächst gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem deutschen Wort Neger und dem englischen nigger, da Neger ursprünglich tatsächlich ein (relativ) neutraler Begriff war, während nigger von Anfang an negativ besetzt war. Davon abgesehen haben Sie Recht, dass der Begriff Neger in der deutschen Sprache einen Bedeutungswandel zum Negativen durchlaufen hat. Dieser Prozess, den wir in der Linguistik Pejoration (lat. „Verschlechterung“) nennen, ist immer dann unvermeidlich, wenn die Sprechergemeinschaft eine negative Einschätzung des Bezeichneten teilt. Eine Gesellschaft, in der es (offenen oder verdeckten) Rassismus gibt, kann jeden noch so neutralen Begriff für eine ethnische Gruppe wählen — solange mit dieser ethnischen Gruppe negative Stereotype verknüpft sind, werden diese in die Bedeutung des Begriffes hineingetragen. Das ist mit dem Begriff Neger ebenso geschehen, wie mit dem ursprünglich neutralen negro (die ja beide vom spanischen/portugiesischen negro „schwarz“ kommen).

    Deshalb kann die von Ihnen beschriebene hypothetische Mutter bei McDonalds natürlich nicht antworten „Das ist ein Neger“ (vielleicht ging das in den Fünfzigern noch). Ich denke, sie wird sagen (wie ich es getan habe, als meine Tochter mich zum ersten Mal fragte, warum es in ihrem Kindergarten Kinder mit dunkler Hautfarbe gäbe) „Die Menschen haben halt verschiedene Hautfarben, genau wie sie verschiedene Haarfarben und Augenfarben haben.“ Das mag ausweichend klingen, aber so weit ich beurteilen kann, können uns Humangenetiker auch keine bessere Antwort geben (sie können sie nur komplexer verpacken). Wie Sie andeuten, kommt „Ultrapigmentierter“ kaum in Frage und wäre wohl höchstens als scherzhaft zu betrachten (und nicht unbedingt als gelungener Scherz), wenn es nicht eine genaue Erklärung der Hautpigmentierung beim Menschen eingebunden wäre.

    Generell habe ich den Eindruck, dass es im Deutschen zumindest in bestimmten Situationen in Ordnung ist, den Begriff Schwarzer zu verwenden — zumindest hat sich von meinen Bekannten afrikanischer Abstammung bislang niemand darüber beschwert. Auch in Amerika habe ich Afroamerikaner kennengelernt, für die der Begriff black unproblematisch war, zumindest als Adjektiv in Kombinationen wie Black History, Black Arts, etc. Und an vielen Universitäten gibt es Studiengänge, die Black Studies heißen.

    Der Begriff African-American (als Substantiv oder Adjektiv) ist für die meisten schwarzen Amerikaner unproblematisch und sicher die bevorzugte Bezeichnung. Dass die meisten von ihnen in der x-ten Generation in Amerika geboren sind, stört dabei nicht. Ich habe viele weiße Amerikaner kennengelernt, die sich ohne jede Ironie als „Italian-American“, „German-American“, usw. bezeichnen, ohne je einen Fuß in die Heimatländer ihrer Urururgroßeltern gesetzt zu haben.

    Der Begriff colored findet sich tatsächlich stellenweise im Bildungssystem der USA, bezeichnet dann aber häufig alle nicht-weißen Schüler. Meiner Erfahrung nach wird der Begriff häufig als herabsetzend empfunden, vielleicht durch die Assoziationen mit der Kolonialzeit, die er wachruft, vielleicht, weil er einen Unterschied zwischen „weiß“ und „nicht-weiß“ macht (als ob Weiß keine Farbe wäre).

    Da ich annehme, dass Sie selber kein schwarzer Amerikaner sind, können Sie ihren Freund natürlich nicht als Nigger bezeichnen, und das ist ein interessanter Aspekt an der von McWhorter und McIllwain beschriebenen „positiven“ Verwendung des Wortes. Diese positive Bedeutung kann nur angenommen werden, wenn schwarze Amerikaner sich untereinander mit diesem Wort ansprechen. Aus linguistischer Sicht ist das interessant, da es zeigt, dass die Bedeutung von Wörtern nicht in den Wörtern selbst zu finden ist, sondern in der Situation, in der sie verwendet werden.

    Diese Antwort ist schon viel zu lang, aber einen letzten Punkt möchte ich noch ansprechen. Viele schwarze Amerikaner empfinden den Begriff nigger auch dann als beleidigend, wenn er von anderen schwarzen Amerikanern verwendet wird — egal, ob positiv (im Sinne der Rapper), oder negativ (der Komiker Chris Rock verwendet ihn zum Beispiel, um sich über eine Teilgruppe von schwarzen Amerikanern lustig zu machen, die er als Sozialschmarozer empfindet). Wie soll man mit dem Gefühl der Beleidigung in diesen Fällen umgehen? Aus linguistischer Sicht lässt sich dazu nur sagen, dass Bedeutungen eben nicht in den Wörtern stecken. Was als beleidigend empfunden wird hat deshalb mit dem Hörer ebensoviel zu tun wie mit dem Sprecher und dem Verhältnis zwischen beiden. Das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen und auch unter Schwarzen ist in Amerika derartig komplex und durch die verschiedensten historischen Tatsachen belastet, dass sich keine neutrale Sprache finden wird. Ich stimme deshalb McWhorter und McIllwain zu: Wörter dürfen grundsätzlich nicht verboten werden, da mit solchen Verboten nur die Möglichkeit verschwindet, frei und offen — und oft schmerzhaft — über die Wirklichkeit zu sprechen, die hinter diesen Wörtern liegt.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.