Sprachverwirrungen

Seit Anfang der Woche arbeitet sich eine Meldung der dpa durch die deutsche Medienlandschaft, die dem Horrorszenario der vermeintlichen „Anglizismen“-Schwemme ein weiteres hinzufügt. „Die deutsche Sprache“, so erfahren wir, „verändert sich immer mehr durch den Einfluss von Migranten“.

Herausgefunden haben will das laut Pressemeldung der Berliner Soziolinguist Norbert Dittmar:

„Deutsche Jugendliche übernehmen vermehrt die Aussprache und Satzbildung ausländischer Jugendlicher und benutzen auch häufig Worte aus dem Türkischen oder Arabischen“, sagte der Professor […]. „Dabei handelt es sich um eine dauerhafte Veränderung, weil die Jugendlichen diese Sprache verinnerlichen und auch als Erwachsene sprechen werden.“ Der Einfluss sei vor allem in Städten mit großen Migrantengruppen zu spüren. „Das Phänomen kann man aber in ganz Deutschland beobachten“, sagte Dittmar.

In diesem Zitat stecken die drei Kernaussagen des Artikels (aber man sollte sich ruhig auch den Rest zu Gemüte führen):

  1. Deutsche Jugendliche übernehmen Sprachmuster des Türkischen und Arabischen auf den Ebenen der Aussprache, des Wortschatzes und der Grammatik.
  2. Die Übernahme dieser Sprachmuster ist nicht auf Stadtteile mit einem hohen Migrantenanteil beschränkt.
  3. Die Übernahme dieser Sprachmuster wird die deutsche Sprache verändern.

Hinzu kommt eine negative Bewertung dieser Sprachmuster später im Artikel, wo Dittmar mit der Behauptung zitiert wird, durch die Übernahme dieser Sprachmuster entstehe eine „reduzierte Misch-Sprache“.

Bevor ich fortfahre, eine wichtige Anmerkung: Norbert Dittmar ist ein international anerkannter Wissenschaftler, vor dessen Arbeiten beispielsweise zu den sprachlichen Auswirkungen der Wiedervereinigung oder zu den sozialen Aspekten des Zweitspracherwerbs ich großen Respekt habe. Aber zum Einfluss des Türkischen oder Arabischen auf das Deutsche hat er, nach allem, was ich weiß, nie eine Forschungsarbeit vorgelegt. Ich gehe also davon aus, dass er in dieser Pressemeldung falsch oder zumindest völlig aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wird, denn anders kann ich mir seine oberflächlichen und weitgehend aus der Luft gegriffenen Aussagen nicht erklären.

Dittmars Behauptungen sind natürlich sensationell und dehshalb hat sie auch wirklich jeder aufgegriffen — von der konservativen Welt bis zur progressiven taz und von der Boulevardpresse bis zu den Kulturmagazinen. Sie lösen außerdem kulturelle Existenzängste aus, wie man in diversen Blogs und Foren nachlesen kann und deshalb sollte man sie einmal mit kühlem Kopf vor dem Hintergrund des Forschunsstandes betrachten.

Werden durch das Türkische oder Arabische beeinflusste Sprachmuster (die ich im Folgenden als „Türkendeutsch“ bezeichnen werde) von deutschen Jugendlichen übernommen? Die Anwort ist eindeutig „Ja, aber…“. Denn man muss dabei eine grundlegende Unterscheidung zwischen einer authentischen Verwendung einerseits und durch die Medien vermittelter Imitation andererseits machen.

Eine authentische Verwendung haben Ende der neunziger Jahre der Freiburger Germanist Peter Auer und die Hannoveraner Erziehungswissenschaftlerin Inci Dirim beobachtet, als sie in Hamburger Stadteilen mit hohem Migrantenanteil das sprachliche Verhalten Jugendlicher erforschten. Dabei stellten sie fest, dass in ethnisch gemischten Jugendcliquen tatsächlich türkische Sprachmuster verwendet wurden, teilweise auch dann, wenn gar keine Türken anwesend waren. Dabei ging es nicht nur um vereinzelte Wörter, sondern um ganze Sätze und Gesprächsabschnitte. Natürlich sprechen diese Jugendlichen untereinander hauptsächlich Deutsch, aber auch in den deutschen Gesprächssequenzen lassen sich stellenweise grammatische Muster beobachten, die mit dem „Türkendeutschen“ assoziiert werden (z.B. „und das schickt sie nach’n Dings, sen de söyle [= na sag schon], so deutsch ich weiß nicht, so Verlag weißt du, daraus machen sie Bücher“, oder „Tür geklingelt, Tanja“, beides Sätze, die von deutschen Muttersprachlern geäußert wurden).

Diese Forschungsergebnisse sind zweifellos faszinierend. Es muss aber deutlich einschränkend gesagt werden, dass Dirim und Auer die Jugendlichen nicht zufällig ausgewählt haben, sondern sich gezielt auf Gruppen konzentrierten, von denen sie wussten, dass dort ein gewisser Grad an Mehrsprachigkeit vorhanden war. Es lässt sich also schlicht keine Aussage darüber machen, wie typisch die untersuchten Jugendlichen und ihre Sprachverwendung sind. Allein die Tatsache, dass diese Jugendlichen in der Lage waren, ganze Gesprächsabschnitte in türkischer Sprache zu führen, deutet wohl eher darauf hin, dass es sich um Ausnahmen handelt. Es gibt keine Forschungsergebnisse, die in irgendeiner Weise darauf hindeuten würden, dass diese Mehrsprachigkeit auch außerhalb von Stadteilen mit hohem Migrantenanteil zu beobachten wäre.

In der allgemeineren Jugendsprache finden sich natürlich auch veinzelte „türkendeutsche“ Merkmale oder solche, die als „türkendeutsch“ wahrgenommen werden. Die ursprüngliche Pressemeldung nennt hier die Wörter Lan (türkisch „Bruder“) und Yalla (arabisch „Komm schon“), sowie die sogenannte Palatalisierung von ch zu sch, wie in Ischwör („Ich schwöre“). Die aufgreifenden Presseorgane fügen hier eine Reihe bekannter Klischees hinzu, die allerdings alle nicht türkischen Ursprungs sind: die rein deutschen Ausdrücke gips für „gibt“ („Es gips keine Kreide mehr“, taz), Voll krass und Ey Ater, sowie das aus dem Englischen übernommene Verb dissen.

Die Klischees der Presse zeigen es schon: hier geht es gar nicht mehr um einen Einfluss des Türkischen, sondern um eine bestimte mediale Darstellungen der Sprechweise türkischer Jugendlicher (zum Beispiel durch Komikerduos wie Erkan und Stefan oder Mundstuhl). Die Jugendlichen übernehmen also nicht direkt „türkendeutsche“ Sprachmuster, sondern berwusste Imitationen, die mal mehr und mal weniger nah an das eigentliche „Türkendeutsch“ herankommen.

Die Vermittlung über das Fernsehen hat Konsequenzen für die Art des Umgangs mit diesen Sprachmustern. Der Hannoveraner Germanist Jannis Androutsopoulos hat in Untersuchungen festgestellt, dass diese Sprachmuster in diesem Zusammenhang ausnahmslos in spielerischer Art und Weise aufgegriffen, also sozusagen „zitiert“ werden. Die Motive für solche Zitate können vielfältig sein. Sie reichen von reinem Herumgealber bis zur Identitätsstiftung durch Bezug auf gemeinsames Medienwissen und von dem Wunsch, sich von bestimmten Bemerkungen (z.B. anzüglichen Kommentaren) zu distanzieren und ihnen durch Verwendung „türkendeutscher“ Sprachmuster die Schärfe zu nehmen, bis zum Ausdruck fremdenfeindlicher Klischees.

Werden diese Sprachmuster — die authentischen oder die imitativen — nun also die deutsche Sprache merklich verändern? Natürlich kann niemand die Zukunft vorhersagen. Aber ich bin bereit, einen beträchtlichen Teil meines mageren Juniorprofessorengehalts darauf zu verwetten, dass dies nicht geschehen wird.

Beginnen wir mit der medial inspirierten imitativen Verwendung von Redewendungen wie voll krass, ischwör, Lan, und von mir aus auch Yalla (das ich noch nie von deutschen Jugendlichen gehört habe).

Selbst wenn diese Ausdrücke dauerhaft in die deutsche Allgemeinsprache übergehen würden, könnte man das wohl kaum als drastische Veränderung bezeichnen. Ich wage aber die Prognose, dass sich die meisten dieser Ausdrücke ohnehin nicht halten werden. Jugendsprache hat eine notorisch kurze Halbwertzeit. Als ich jung war (seufz), sagten wir Dinge wie Klaro, Logo und Null Problemo, nannten Mädchen Tussis und Jungs Macker, fanden die Tussis affengeil oder sogar affentittengeil. Einige der Wörter hört man heute noch unter Jugendlichen und/oder Menschen meiner Generation, andere fristen nur noch ein Schattendasein im PONS Wörterbuch der Jugendsprache (dessen Redakteure offensichtlich seit zwanzig Jahren im Tiefschlaf sind). Aber kein einziges dieser Wörter ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Warum sollte das mit Lan und Yalla anders sein? Der Sinn an der Jugendsprache ist es ja gerade, sich als junger Mensch vom Establishment abzugrenzen. Wenn man dann irgendwann selbst dazugehört, verschwinden auch die sprachlichen Grenzsteine.

Wie sieht es aber mit den ganz oder teilweise mehrsprachlichen Jugendlichen aus den Untersuchungen von Dirim und Auer aus? Könnten die ihre Sprachmuster, wie Dittmar vorhersagt, dauerhaft beibehalten und in den allgemeinen Sprachgebrauch hineintragen?

Wiederum glaube ich, dass das nicht der Fall sein wird, und zwar aus zwei Gründen. Erstens zeigen die Studien von Dirim und Auer sehr deutlich, dass weder die deutschen noch die türkischen Jugendlichen in einer „reduzierten Mischsprache“ gefangen sind. Vielmehr wechseln sie mühelos zwischen dem Türkischen, dem „Türkendeutschen“ und ganz normaler deutscher Umgangssprache hin und her. Sie sind also schlicht und ergreifend mehrsprachig und können für verschiedene Situationen verschiedene Sprachen und sprachliche Niveaus auswählen. Es ist also kaum anzunehmen, dass sie später in der Lehre, im Studium oder im Beruf mit dem Meister, der Professorin und den Komillitonen oder mit Kunden und Kolleginnen plötzlich Türkisch oder „Türkendeutsch“ sprechen werden.

Und damit sind wir beim zweiten Grund: diese Jugendlichen werden es schwer haben, überhaupt Lehrstellen, Studienplätze oder Jobs zu bekommen. Nicht, weil sie sprachlich minderbemittelt wären (das sind sie ganz eindeutig nicht), sondern weil die Gesellschaft sich nicht besonders für sie interessiert und eigentlich ganz zufrieden damit ist, sie in die permanente Sozialhilfe abzuschieben. Sie werden also gar keine Chance bekommen, ihre Sprachmuster oder sonst etwas von sich in die Gesellschaft einzubringen. Und das sollte uns mehr Sorgen machen als ein paar türkische Lehnwörter.

[Nachtrag I (8:31): Ich sehe gerade, dass der Wortistiker ebenfalls zur sprachlichen Gelassenheit rät: „Wenn sich neben Kaffee und Kebab noch ein paar mehr Worte aus dem Türkischen ins Deutsche einbürgern sollten, tut uns das doch eher gut als weh“. Eben.]

[Nachtrag II (21:40): Einen möglichen Zusammenhang, aus dem das dpa-Interview gerissen sein könnte, habe ich im Neuen Deutschland entdeckt, wo über einen Vortrag berichtet wird, den Dittmar einige Tage vor Erscheinen der Pressemeldung gehalten hat. Forschungsergebnisse scheint er dort nicht präsentiert zu haben (wie gesagt glaube ich auch nicht, dass es welche gibt), aber seine Aussagen dort klingen wesentlich differenzierter als die, die die dpa berichtet hat.]

4 Kommentare zu „Sprachverwirrungen“

  1. Danke für Ihre Ehrenrettung des Migrationslinguisten Dittmar. Ich hätte ihn sonst bedenkenlos in die Schublade der akademischen Gewäschproduzenten einsortiert.
    Ob er seine Sätze nur so dahingesagt hat oder aus welchem Zusammenhang sie gerissen wurden, geht weder aus der dpa-Meldung noch aus Dittmars eigener Webseite hervor - die wurde nämlich im Herbst 2005 das letzte Mal aktualisiert…

  2. […] näheres auch beim >>>Bremer Sprachblog […]

  3. Hallihallo,

    dieser Eintrag ist ja nun schon etwas älter. Da ich ihn aber jetzt erst gelesen habe, fällt mir gerade auf, dass es in Hannover recht viele Germanisten zu geben scheint. Das ist natürlich erfreulich.
    Mir fällt dabei jedoch wieder der kürzlich gelesene Beitrag über Inuit/Eskimos ein. Im Sinne einer Bezeichnung von Volksgruppen durch Endonyme wären die erwähnten Sprachwissenschaftler Hannoversche Germanisten.

    Mit Hannoverschen Grüßen, Carsten

    Auch wenn mein erster Beitrag hier etwas aus der sprachnörgelnden Ecke kommt, bin ich trotzdem begeistert vom Bremer Sprachblog.

  4. Interessant.
    Den Sozialpessimismus unter 2, dass “Deutschtürken” nichts zur Gesellschaft beitragen, kann ich zwar nicht ganz teilen, aber sont nur beipflichten.

    Zu “Yalla”. In Oldenburg gibt es das “Yalla Yalla Soundsystem”, die auch in Bremen für Dancehall und Reggae-Clashs bekannt sind.
    Allerdings ist der Begriff “Yalla” auch schon wieder “altbacken”, dass ihn kaum ein Jugendlicher noch benutzt.

    “Einige der Wörter hört man heute noch unter Jugendlichen […], andere fristen nur noch ein Schattendasein”

    Dennoch finde ich es spannend und witzig jeder Generation eine Jugendsprache zuordnen zu können.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.