Plädoyer für OmU

Das Blog, das Sie gerade lesen, ist eines der Projekte der Bremer Linguisten zum Jahr der Geisteswissenschaften. Ein anderes wird im Oktober anlaufen. Im Haus der Wissenschaft zeigen wir die Reihe Fremde Sprachen im Spielfilm, in denen „exotische“ Sprachen gesprochen werden, mit einem einleitenden Vortrag zur Erklärung, was den jeweiligen Film für uns interessant macht. Wir hätten das sowieso gemacht, aber wie sich in dieser Woche gezeigt hat, liegen wir damit voll im Trend.

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung ist mehreren Medien aufgefallen, welch große Rolle fremde Sprachen gespielt haben. Spitzenreiter in Sachen Mehrsprachigkeit ist dabei natürlich der Film Babel, der in Marokko, Japan, Mexiko und den USA spielt. Dementsprechend bekommt man außer Englisch noch Arabisch, Tamazight (Berberisch), Japanisch und Spanisch zu hören und Japanische Gebärdensprache zu sehen. Das sind alles keine exotischen Sprachen, aber es ist bemerkenswert, dass sich viele Zuschauer nicht daran gestört haben, dass der Film nicht komplett auf Englisch war. Und mit Brad Pitt in der Hauptrolle hatte man gewiss kein Randgruppenpublikum im Auge. Ein anderer Weltstar, Clint Eastwood, hatte als Regisseur den Mut, Letters from Iwo Jima auf Japanisch zu drehen. Angefangen hat diese Entwicklung vielleicht mit Mel Gibson (Aramäisch in Die Passion Christi, Maya in Apocalypto).

Angesichts der Schauplätze der nominierten Filme insgesamt kann man wohl von einem allgemeineren Trend sprechen, der weg von Main Street, USA hinaus in die weite Welt geht. Ob das auch an der höheren Qualität von Filmen liegt, die nicht in Hollywood produziert wurden, kann ich als Nicht-Cineast nicht beurteilen. Ich möchte auf etwas anderes hinaus. In einem der oben verlinkten Artikel steht

And although it used to be almost impossible for someone in Knik, Alaska, to see the latest art house hit, DVD mail-rental services such as Netflix and Blockbuster’s Total Access are making even the most obscure titles available with a keystroke.

Da haben wir ein interessantes Stichwort: DVD. Videotheken sind ja nichts Neues, aber wenn ich mich dazu durchringen kann, eine Stange Geld auszugeben, habe ich jetzt auch in Deutschland die Möglichkeit, mir meine Lieblingssitcoms im englischen Original anzusehen, oder, sagen wir, einen Kusturica-Film im Originalton. Offensichtlich tun Leute das, sonst würden die Hersteller sich die zusätzlichen Tonspuren sparen. Früher dagegen:

When Hollywood was considering making “The Godfather” in the 1970s, studio honchos urged director Francis Ford Coppola not to shoot scenes in Italian with English subtitles, recalled Charles Ramirez-Berg, professor of film studies at the University of Texas.

“Subtitles were the kiss of death,” Ramirez-Berg said.

Und so ist das leider im deutschen Fernsehen heute noch, obwohl das Mittel der Untertitel als solches immer häufiger genutzt wird, um irgendwelche Nachrichten oder Börsenkurse einzublenden. Seit Monty Python’s Flying Circus fällt mir keine Sendung mehr ein, die für das (größere) deutsche Publikum nicht synchronisiert worden wäre. Wenn man mittlerweile US-Amerikanern, bei denen Einsprachigkeit die Regel ist, Untertitel zumuten kann, warum sollte das in Deutschland nicht gehen?

Fernsehen ist natürlich ein Massenmedium, und der Mehrheitsgeschmack entscheidet. Aber wer sagt eigentlich, dass nicht auch deutsche Fernsehzuschauer gerne die Stimme ihres Lieblingsschauspielers in der Originalsprache hören würden?

Darum mein Appell an die Programmdirektoren der deutschen Fernsehsender: Versuchen Sie es doch mal mit O(riginal)m(it)U(ntertiteln)! Oder nutzen Sie bitte wenigstens die technische Möglichkeit des Zweikanaltons nicht nur für jeden 50. Film. Das kann so teuer nicht sein, wenn Sie die zweite Tonspur nicht produzieren, sondern nur mit ausstrahlen müssen! Ich würde auch den Lehrerverbänden raten, sich dafür einzusetzen, denn je öfter man eine Sprache hört, desto schneller lernt man sie.

Nett wäre auch ein Funkhaus Europa TV, also ein mehrsprachiger Fernsehsender, der sich an Deutsche wie Migranten richtet. Es muss ja kein Vollprogramm sein. Die Sendezeit, die jetzt mit Wiederholungen auf Phönix oder EinsExtra gefüllt wird, könnte man viel besser nutzen. Schüler, die eine Fremdsprache lernen, müssten so nicht mehr auf ausgeleierte Kassetten, Kurzwellen-Radio („Ichchchtüüüüt haknarzbe Deutsch übütüüüüt das Rachchchchchdio gelerntfieeep!“) oder halblegale P2P-TV-Streams im Internet zurückgreifen.

Sobald die Termine für unsere Filmreihe im Herbst feststehen, erscheinen sie hier.

5 Kommentare zu „Plädoyer für OmU“

  1. […] Seit sechs Wochen gibt es das Bremer Sprachblog, das ich mit großem Interesse lese. Es zeigt sich, dass Linguistik keineswegs eine trockene, gar langweilige Materie ist. Die Beschäftigung mit Sprache (der eigenen oder einer fremden) ist durchaus spannend und im Sprachblog werden viele Facetten des Themas angerissen. Heute wird dort auf eine im Herbst startende Filmreihe Fremde Sprachen im Spielfilm hingewiesen, das zweite Projekt der Bremer Linguisten zum Jahr der Geisteswissenschaften. Das erste Projekt ist das Blog selbst. Und voll des Lobes bin ich für ein Plädoyer der Sprachblogger, das mir auch sehr am Herzen liegt: Plädoyer für OmU […]

  2. Bravo zum Plädoyer für OmU und Glückwunsch zu eurem interessanten Sprachblog!
    Grüße aus Hamburg,
    Markus

  3. Ich weiß auch nicht, was die Leute gegen Untertitel haben. Nach ein paar Minuten lese ich die fast unbewusst und merke gar nicht mehr, dass ich das Italienisch, Japanisch, oder was auch immer die Schauspieler sprechen, gar nicht verstehe!

  4. Ich bin gerade dabei, mich ein wenig durch das Archiv hier zu lesen und dabei auf diese Beitrag gestoßen. Und obwohl es schon so lange her ist: Ja und nochmal ja. Wenn es mehr OmU-Filme (oder Serien) gäbe, würde ich vielleicht meinen Fernseher wieder aufstellen. Nichts gegen die Bemühungen um eine gute Synchronisation, nichts gegen Synchronsprecher und -stimmen, aber irgendetwas geht bei der Synchro immer verloren. Selbst wenn ich die Sprache nicht kenne, Intonation und Klang der Sprache sind für mich wichtige Verstehenshilfen, die ich aber wohl eher unbewust warnehme.

  5. Das EU-Parlament hat sich mit diesem Thema befasst; was dabei herauskam (nichts) wurde aber in einigen Medien falsch widergegeben.

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,546433,00.html

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.