Come on, baby, light my fire

Passend zum gestrigen „Tag der Muttersprache“ berichtete in den letzten Tagen eine Reihe von britischen Tageszeitungen von Bemühungen, einen schottischen Dialekt zu dokumentieren, solange die letzten beiden Sprecher noch am Leben sind. Die Brüder Bobby und Gordon Hogg (87 und 82 Jahre alt) sind laut diesen Meldungen die letzten Sprecher des Cromarty-Dialekts, den die britische Presse heute als „Cromarty Fisher Dialect“ bezeichnet, vermutlich, weil die Sprecher traditionell Fischer waren.

Ich freue mich natürlich über die Rettungsversuche und über die Tatsache, dass die britische Presse so ausführlich berichtet, die zeigt, dass in Großbritannien ein öffentliches Interesse an Dialekten besteht (die beiden Brüder wirken allerdings auch äußerst liebenswert, das hilft sicher). Die Meldungen enthalten aber auch eine Reihe von Ungenauigkeiten und Missverständnissen, die wir hier für unsere interssierten Leser natürlich aufklären müssen.

So behauptet der Telegraph, der Cromarty-Dialekt sei entstanden, als (gälischsprechende) Fischer in Cromarty im 17. und 18. Jahrhundert „von englischen Soldaten Wörter aufgeschnappt“ hätten:

It evolved when local fishermen in the town of Cromarty, on the Black Isle north of Inverness, picked up words from English soldiers based in the area in the 17th and 18th centuries.

Ich kenne mich mit diesem Dialekt nicht besonders gut aus (um ehrlich zu sein, habe ich heute morgen zum ersten Mal davon gehört), aber diese Behauptung ist absolut unwahrscheinlich, wenn man sich einmal eine Textprobe ansieht (aus einem Gedicht, das 1912-1913 in der Zeitschrift The Celtic Review abgedruckt wurde und in dem der Erzähler berichtet, wie seine Großmutter ihm einen Kuchen bäckt):

She’ll say– ‘So tak’ the pailie doon
And get a Stroopie drink for grannie;
Ye’ll mind and row’ yer hankie roon’
The han’lie or ’t ’ill hurt yer han’ie–
In comes the weaver’s wife to crack,
Wi’– ‘Bless yer hert an’ hoo’s yer body?’ …
I ken my cakie’s toastin’ fine,
As I go up the Stroopie roadie.

Selbst wenn man nicht jedes Wort auf Anhieb versteht — es dürfte klar sein, dass wir es hier keineswegs mit einem gälischen Dialekt zu tun haben, der ein paar englische Lehnwörter enthält (wie würde der VDS einen solchen Dialekt nennen? Gänglisch? Engälisch?), sondern mit waschechtem Englisch, das lediglich in Wortschatz und Aussprache einige typisch schottische Eigenheiten aufweist.

Hier ist eine Übersetzung in das „Standard English“, das wir alle aus der Schule kennen:

She will say: ‘So take the bucket down
And get a drink from the well for grandmother;
You will remember to tie your hankerchief around
The handle or it will hurt your hand.’
In comes the weaver’s wife to chat,
With: ‘Bless your heart and how is your body?’ …
I know my cake is baking well,
As I go up the road to the well.

Die Unterschiede sind also: pail statt bucket für „Eimer“, stroop statt well für „Brunnen“, mind statt remember für „daran denken“, rowe statt tie für „wickeln, knoten“, crack statt chat für „plaudern“, ken statt know für „wissen“ und toast statt bake für „backen“. Auffällig sind die Verkleinerungsformen (pailie, stroopie, grannie, hankie, han’lie, han’ie, cakie und roadie). Davon abgesehen gibt es ein paar Ausspracheunterschiede, die der Autor versucht hat, orthographisch darzustellen (doon statt down, yer statt your, usw.). Alle diese Merkmale finden sich ganz allgemein in schottischen Dialekten. Nun kann es ja sein, dass der Dichter sich hier bewusst oder unbewusst am britischen Englisch orientiert und den Dialekt damit verzerrt dargestellt hat. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Der Telegraph nennt eine Reihe von Sätzen aus der aktuellen alltagssprachlichen Verwendung des Dialekts (ich zeige sie hier mit den Übersetzungen, die der Telegraph angibt):

  1. Thee’re no talkin’ licht (‘You are quite right’)
  2. Ut aboot a wee suppie for me (‘Can I have a drink too?’)
  3. Thee nay’te big fiya sclaafert yet me boy (‘You are not too big for a slap, my boy’)
  4. Pit oot thy fire til I light mine (‘Please be quiet, and allow me to say something’)

Diese Beispiele zeigen eine weitere Eigenschaft des Cromarty-Dialekts, die im Gedicht nicht vorkommt: die Verwendung der historisch älteren Anredeformen thee und thy anstelle von you und your. Davon abgesehen wird klar, dass es sich auch hier eindeutig um Englisch handelt, vor allem, wenn man Übersetzungen wählt, die näher an den Beispielen bleiben:

  1. You are not talking lightly, also etwa „Du redest nicht leichthin daher.“
  2. What about a small sip for me, also etwa „Wie wäre es mit einem kleinen Schluck für mich?“
  3. Hier ist die Übersetzung bereits nahe am Original, die Verschriftlichung scheint hier aber übermäßig fremdelnd zu sein. Die nahe Verwandschaft zum britischen Englisch wird deutlich, wenn man die Schreibweise minimal ändert: Thee nay te big fi a sclaafert yet, me boy.
  4. Put out your fire until I light mine, also „Lösche dein Feuer bis ich meins angezündet habe“; hier handelt es sich offensichtlich um eine Redewendung (ein interessantes Gegestück zum deutschen „Du redest wie ein Wasserfall“).

Man bekommt den Eindruck, dass der Telegraph hier den Cromarty-Dialekt bewusst fremdartig erscheinen lassen wollte. Tatsächlich ist aber deutlich, dass dieser Dialekt wesentlich näher am britischen Englisch ist, als etwa das Bairische am Hochdeutschen. Kein Gänglisch also, sondern einfach nur ein Dialekt des Englischen (mit dieser Meinung bin ich nicht allein: wie der Herald berichtet, glaubt Robert McColl Millar, Experte für schottische Dialekte, ebenfalls nicht an die Theorie mit den englischen Soldaten).

Der Inverness Courier interpretiert die Verwendung der eben erwähnten älteren Anredeformen als Beleg dafür, dass dieser Dialekt sehr „formell“ sei:

It was extremely formal, with words like “thee”, “thou” and “thine” used frequently, and was spoken so quickly that outsiders found it impossible to understand.

Das ist natürlich Unfug. Diese Formen sind keineswegs formell, schon gar nicht im Cromarty-Dialekt. Im Gegenteil: es handelt sich hier um Überbleibsel des ursprünglichen Pronominalsystems des Englischen, in dem die Formen thou, thee, und thine etwa dem deutschen du, dir und dein(e) entsprachen. Die Form you, die heute die einzige Anredeform des Englischen ist, war damals ausschließlich der Mehrzahl vorbehalten. Sie wurde Einzelpersonen gegenüber nur verwendet, um extreme Höflichkeit auszudrücken (genau wie das Deutsche ihr in Sätzen wie „Wie ihr befehlt, Majestät“). Diese formellere, höflichere Form setzte sich in der Standardsprache auf breiter Ebene durch, viele Dialekte behielten aber das informellere thou. Dem Journalisten des Inverness Courier kommt diese Form nur deshalb formell vor, weil sie in seinem Dialekt nicht mehr existiert und er sie deshalb als altmodisch empfindet. Das angebliche „schnelle Sprechen“ des Dialekts könnte auch auf die Außenwahrnehmung zurückzuführen sein: Sprachen, die man nicht bzw. nur teilweise beherrscht, kommen einem häufig schnell vor.

Der Telegraph macht den Fehler mit den „formalen“ Wörtern auch, und fügt noch ein weiteres Missverständnis hinzu:

The fishermen adopted formal words such as thee, thou and thine, but also mispronunciations, substituting “erring” for “herring” and “hears” for “ears”.

Das sind natürlich keine „fehlerhaften Aussprachen“ (mispronunciations), sondern dialektale Varianten. Interessanterweise findet sich die Auslassung von [h] an Wortanfängen nicht Allgemein im schottischen Englisch, es könnte also tatsächlich ein leichter Einfluss britischer Soldaten vorliegen, beispielsweise, wenn diese Cockney-Sprecher waren. Andererseits ist dieser phonetische Prozess auch nicht so ungewöhnlich, dass er nicht unabhängig entstanden sein könnte (die Franzosen machen es ja genauso, und die haben es sich ganz sicher nicht von britischen Soldaten abgeguckt).

Ein Kommentar zu „Come on, baby, light my fire“

  1. Die Auslassung von anlautendem [h] findet sich im Norn der Shetlandinseln - wenn auch nicht durchgängig und zum Teil sogar durch Hyperkorrektur das ganze Gegenteil. Vielleicht kommt der Einfluss auch von dort?

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.