21. Februar: Internationaler Tag der Muttersprache

Das Bremer Sprachblog wünscht heute einen frohen Internationalen Tag der Muttersprache! Diesen begeht die UNESCO heute zum achten Mal, dieses Jahr unter dem Motto „Kulturelle und sprachliche Vielfalt in der Bildung“. Zitat:

Based upon the principles stated in the UNESCO Universal Declaration on Cultural Diversity, adopted by the General Conference of UNESCO at its 31st session (2 November 2001), the Organization has committed itself to supporting Member States wishing to encourage linguistic diversity while respecting the mother tongue at all levels of education, wherever possible, to promote through education an awareness of the positive value of cultural diversity and to make full use of culturally appropriate methods of communication and transmission of knowledge.The quest for quality education today is inextricably bound up with the processes and impact of globalization.

Passend dazu finden sich in diesen Tagen in der weltweiten (elektronischen) Presse gleich mehrere einschlägige Berichte zum Thema Sprachsterben und Maßnahmen dagegen, wie ja auch kürzlich in unserem Blog an dieser Stelle.

Es ist mehr als nur ein Achtungserfolg, dass – wie ich gestern schon kurz in einem Kommentar erwähnte – der Sprachwissenschaftler Michael Krauss von der University of Alaska Fairbanks letzten Freitag zur Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science eingeladen war. Das Thema der Sitzung war das Phänomen des Aussterbens allgemein, und Krauss betont, dass dies im sprachlichen Bereich nicht minder katastrophal ist als in der Biologie. Er sieht sogar einen kausalen Zusammenhang:

Every time we lose (a language), we lose that much also of our adaptability and our diversity that gives us our strength and our ability to survive.

Konkret beschreibt dies ein aktueller Bericht in der Wissenschaftszeitschrift NewScientist. Unter Bezug auf David Harrison von der US-Hochschule Swarthmore heißt es:

Information about local ecosystems is so intricately woven into these languages that it cannot be replaced simply through translation, he explains. The indigenous taxonomy alone can provide a huge range of information about species, which young speakers in these tribes acquire instantly through learning the name.

Dass in diesen „exotischen“ Namen tatsächlich biologisches Wissen stecken kann, zeigt der im Artikel angeführte Fall von den Lachsarten, die in der beinah ausgestorbenen Salish-Sprache Halkomelem (gesprochen in der kanadischen Provinz British Columbia) schon zoologisch korrekt benannt waren, als Sprecher des Englischen sie wegen ihres Aussehens noch für Forellen hielten. (Über den Kampf gegen den Untergang dieser Sprache berichtet dieser Artikel.) Siehe dazu auch diese Schilderung des naturwissenschaftlichen Expertenwissens indigener Völker Sibiriens. Oder, wieder mit einer etwas anderen Schwerpunktsetzung, das Beispiel eines Schmetterlings der sich bei genauerer DNA-Analyse als zehn verschiedene Spezies herausstellte. Laut Harrison haben die Sprecher des Tzeltal-Maya dann auch zehn verschiedene Namen zwar nicht für die (identisch aussehenden) Schmetterlinge, aber für seine Larven.

Wer es also für vergebene Liebensmüh hält, ein besonderes Augenmerk auf Sprachen zu richten, die aller Wahrscheinlichkeit nach bald aussterben werden, wird vielleicht neu nachdenken, wenn zu einem „soften“ sprachwissenschaftlich-kulturellen Interesse noch ein handfesteres biologisches bzw. ökologisches kommt.

Aktuelles zu Anstrengungen gegen das Sprachsterben findet sich diese Woche außerdem am Beispiel des Hawaiianischen und der masirischen Sprachen („Berberisch“) in Algerien, die nun über eine erste Übersetzung des Koran verfügen.

Auch in den deutschen Medien stößt der Internationale Tag der Muttersprache auf Resonanz. Meist wird dabei auf diese Pressemitteilung zurückgegriffen, die etwas mager ausgefallen ist; eine unterhaltsamere Seite findet man aber auch.

(Ein bisschen schade finde ich, dass die UNESCO auf Ihrer Internetseite den Internationalen Tag der Muttersprache nunmehr nur noch auf Englisch und Französisch begeht, während in früheren Jahren das Poster wenigstens noch auf Spanisch verfügbar war. Aber heute ist kein Tag zum Lamentieren, und immerhin kann man auch ein Blanko-Poster als .pdf-Datei ausdrucken und mit einem Text in der Sprache seiner Wahl verzieren.)

3 Kommentare zu „21. Februar: Internationaler Tag der Muttersprache“

  1. Einige Leser mögen sich wundern, dass Andreas hier so ausführlich aus der englischsprachigen Presse zitiert und die heimische Medienlandschaft dabei links liegen lässt. Er deutet es am Ende des Beitrags an, geht dabei aber, wie ich finde, etwas zu großzügig mit dem Versagen der deutschen Presse um. Wer der angebotenen Verknüpfung nicht gefolgt ist, für den will ich es hier noch einmal deutlicher sagen: unserer medialen Elite ist es tatsächlich gelungen, einen Tag, der sprachliche und kulturelle Vielfalt feiern soll, zu nichts anderem zu nutzen, als sich über Anglizismen zu echauffieren. Die Passage aus der Pressemitteilung, die sich in fast allen Zeitungen findet, ist diese:

    Zum weltweiten Tag der Muttersprache, der heute begangen wird, hat der Deutsche Lehrerverband „schreckliche Moden“ im Deutschunterricht kritisiert. Schülern werde heute das Lesen längerer Texte erspart, und statt komplexe Textpassagen zu üben, werde „nur noch das Zustöpseln von Lückentexten“ verlangt, sagte Verbandspräsident Josef Kraus gestern in Bonn. Lehrer würden sich zu oft mit einem „rudimentären Wortschatz“ ihrer Schützlinge begnügen. Auch sollten die Kinder wieder mehr deutsche Worte statt Anglizismen verwenden.

    Regelmäßige Leser/innen mag es verwundern, aber auch ich wünsche mir (als Privatmensch) an manchen Stellen eine verstärkte Verwendung deutscher Wörter. So mag ich zum Beispiel das Wort main board nicht und finde, das schöne Wort Hauptplatine tut es besser (was mich natürlich nicht daran hindert, mindestens drei Mal am Tag das Wort main board zu verwenden, da es sich durch seine breite Verwendung eben auch bei mir eingeschliffen hat). Aber das ist eben Geschmackssache. Wollen wir uns den Tag der Muttersprache damit verderben, über sprachlichen Geschmack zu streiten? Oder wollen wir, gemeinsam mit Andreas und der internationalen Presse den Tag nutzen, um über Sprachen nachzudenken, denen es schlechter geht als unserer eigenen? Wollen wir uns vielleicht sogar (ganz untypisch deutsch) darüber freuen, dass es unserer eigenen Sprache so gut geht, dass unsere Jugend sie so lebendig den eigenen Bedürfnissen anpasst, selbst wenn sie dabei das eine oder andere englische Wort ausborgt? Der Lehrerverband verhält sich hier schizophren: einerseits beklagt er den „rudimentären Wortschatz“ der Schüler, andererseits möchte er ihn duch Ausmerzen von Lehnwörtern weiter reduzieren. Ach ja: und wenn den Lehrerverband die Lückentexte stören, warum wendet er sich damit an die Öffentlichkeit? Sollte er sich nicht stattdessen an die eigenen Mitglieder wenden und sie bitten, diese nicht mehr zu verwenden?

  2. Sicher haben andere mit ihrer Muttersprache auch viele Probleme, aber wenn wir nicht aufpassen, geht es uns bald ebenso. Die Sprachverhunzung schreitet rasend schnell fort, und jeder sollte sich da zuerst an die eigene Nase fassen.

    Mehr:

    http://www.blogsgesang.de/2007/02/21/deutsch-als-fremdsprache

  3. Herr Richter (Blogsgesang), Sie können sicher harte Fakten liefern, die beweisen würden, dass die „Sprachverhunzung“ „rasend schnell“ fortschreitet? Ach nein, Sie haben in Ihrem Blog ja auch nur einen Zeitungsbericht paraphrasiert, der seinerseits die oben erwähnte Pressemeldung nachbetet. Es ist schwer nachvollziehbar, wie man nach der Lektüre von Andreas Ammanns Beitrag und der dort verlinkten Artikel noch auf die absurde Idee kommen könnte, dass ein paar englische Lehnwörter bei Bahn und Telekom in irgendeiner Weise mit dem echten Bedrohungsszenario vergleichbar wären, mit dem sich hunderte von Sprachen konfrontiert sehen.

    Ein positives Beispiel für die Freude an der eigenen Muttersprache findet sich übrigens im Kölner Express, wo man sich darüber freut, dass in Köln noch 250.000 Menschen Kölsch als Muttersprache sprechen. Gejammer über Lehnwörter sucht man dort vergebens. Allerdings kommt auch dieser Beitrag nicht ganz ohne Seitenhiebe aus. Man lässt es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass es in Düsseldorf nur knapp 100.000 Dialektsprecher gibt. Hier muss ich im Namen der Wahrheit das Überlegenheitsgefühl der Kölner etwas dämpfen: Düsseldorf hat nur etwas mehr als halb soviele Einwohner wie Köln. Köln führt also mit 25 Dialektsprechern pro hundert Einwohnern vor Düsseldorf mit 17 Dialektsprechern pro hundert Einwohnern, aber dieser Unterschied ist lange nicht so extrem, wie es die im Artikel genannten Zahlen nahelegen…

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.