Was es nicht alles gibt!

Wenn man Linguistik studiert oder als Sprachwissenschaftler arbeitet, wird man gelegentlich gefragt, worum es dabei eigentlich geht. Ich antworte dann immer mit einer Gegenfrage: „Wie viel Zeit hast du?“ Schließlich soll sich auch Oscar Wilde einmal bei einem Freund dafür entschuldigt haben, ihm einen langen Brief geschrieben zu haben, weil er nicht genug Zeit hatte, einen kürzeren zu verfassen.

Lehrbücher und Enzyklopädien haben diesen Luxus natürlich nicht. Ihre Definition von Sprachwissenschaft geht dann oft in die Richtung: die Untersuchung dessen, was alle menschlichen Sprachen gemeinsam haben. Genau genommen ist das nur ein kleiner Teilbereich (die Universalienforschung), aber in der Tat bringt uns jeder sprachwissenschaftliche Erkenntnisgewinn der Beantwortung dieser Frage ein Stückchen näher. Sehr weit sind wir allerdings noch nicht gekommen. Niemand wird Bauklötze staunen, wenn er zum Beispiel hört, dass es keine Sprache gibt, in der Duale (also grammatische Formen für die Zweizahl) vorkommen, aber keine Plurale (für die Mehrzahl).

Auf einer abstrakten Ebene kann man sagen, dass jede Sprache regelgeleitet sein muss, denn wenn man zu weit von der sprachlichen Konvention abweicht, wird man entweder nicht mehr verstanden oder Ernst Jandl. Daraus folgt, hätte ich bis gestern behauptet, dass man in einem Wort mit den Silben nicht nach Belieben jonglieren darf, weil sie in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet sein müssen.

Aber dann kam Bathasar Bickel.

Dieser schweizer Sprachwissenschaftler hat zusammen mit Kollegen von der Uni Leipzig das Chintang, eine Sprache Nepals, unter die Lupe genommen. Aus dem Artikel in der FAZ wird leider nicht ganz deutlich, welche Phänomene in dieser Sprache wirklich einzigartig sind. Außerdem braucht man ein Online-Abo. Aber ich fasse das typologisch Interessante mal zusammen.

Die Unterscheidung von zwei verschiedenen Arten von „wir“, nämlich „ich und du“ bzw. „ich und noch jemand, aber nicht du“ war in der Sprachwissenschaft als sogenannte 1. Person Plural inklusiv bzw. exklusiv bereits bekannt, und der Ausdruck von Höflichkeitsformen am Verb ist in Asien nicht außergewöhnlich. Richtig spannend klingt dagegen die These, dass Wortbestandteile (für Eingeweihte: ich nehme an, es sind Morpheme gemeint) an einer beliebigen Stelle im Wort erscheinen können.

So könne, sagt der Leipziger Hochschullehrer Balthasar Bickel, man wahlweise sagen “du beauftragtest”, “du aufbetragtest” oder “du betragtaufest”. Bislang hatten Psychologen und Linguisten geglaubt, eine solche Flexibilität der Sprache sei für das menschliche Hirn zu viel und nicht möglich.

Im Deutschen sage ich „er erkennt den Vertrag an“, andere Sprecher sagen neuerdings „er anerkennt den Vertrag“. Eine solche Möglichkeit der Verschiebung an eine andere Stelle ist im Deutschen aber auf bestimmte Vorsilben begrenzt, und es handelt sich um Varation im Satz, nicht im Wort.

Mir fällt in diesem Zusammenhang nur noch das Sumerische ein, das halbwegs in die Nähe des Chintang kommt. Sumerisch war eine polysynthetische Sprache, d.h. Wörter waren aus beliebig vielen Stämmen zusammengesetzt, so dass eine unendliche Zahl an Kombinationsmöglichkeiten entstand, sogar mit dem Wort für Schnee.

Entscheidungsfragen, also solche, die man mit „ja“ oder „nein“ beantworten kann, wurden gebildet, indem man die Morpheme des Verbs in umgekehrter Richtung setze. Also etwa „Michverstehstdu?“ für „Verstehst du mich?“, nur dass im Sumerischen auch schon mal ein Dutzend Morpheme in einer Verbform vorkam. Das habe ich schon für völlig verrückt gehalten, und wir haben damals im Seminar gescherzt, dass das Aussterben dieser Sprache absolut nachvollziehbar war.

Auch das Chintang ist eine bedrohte Sprache, und Bickels Arbeit ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wichtig und ertragreich es ist, sämtliche Sprachen der Welt zu dokumentieren und zu beschreiben. Die Sprachen, deren Grammatik momentan in der Linguistik besonders heftig diskutiert wird, sind häufig solche mit nur noch wenigen Sprechern, z.B. das Pirahã aus Brasilien oder die australische Sprache Dyirbal. Für mich persönlich ist die Grammatik des Kayardild von Nick Evans eines der spannendsten Bücher aller Zeiten. Auch diese Sprache hat etwas, von dem ich im Brustton der Überzeugung gesagt hätte, dass es so etwas nicht gibt, nämlich Modus und Modalität als Kasus am Nomen.

Wir sollten uns also hüten vor Sätzen wie „X gibt es in menschlichen Sprachen nicht“. Besser ist eine Formulierung wie „So weit wir bisher wissen, ist X nicht belegt“. Es kann jederzeit eine Sprache daherkommen, die das Gegenteil beweist. Bezeihungsweise Balthasar Bickel.

(Eine Ausnahme bildet nur die Phonologie: Es gibt Laute, die tatsächlich unmöglich sind, weil die menschliche Anatomie ihre Bildung schlicht nicht zulässt.)

Ein Dank für den Fingerzeig zum FAZ-Artikel geht an Michael Kreutz.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.