Body-Bag Blues

Da wir in den vergangenen Tagen hier im Bremer Sprachblog eine (ungeplante) „Denglisch“-Woche hatten, bleiben wir dem Thema auch zum Wochenende treu und wenden uns dann in der nächsten Woche wieder ernsthafteren Themen zu.

Die Lokalredaktion der Westdeutschen Zeitung hat am letzten Wochenende angekündigt, dass man eine Woche lang ganz auf englische Lehnwörter verzichten wolle. Das ist ein interessantes sprachliches Experiment, das ich prinzipiell trotz (oder gerade wegen) meines anglistischen Hintergrunds voll und ganz unterstütze. Leider wird diese Aktion (wieder einmal) nicht durch eine bejahende Liebe zur deutschen Sprache und ihrer schöpferischen Kraft motiviert (sonst würde sie wohl auch nicht auf eine Woche und den Lokalteil beschränkt sein), sondern durch eine diffuse Angst vor der „denglischen“ Gefahr:

Kurioses aus der Uni-Mensa: Fünf amerikanische Austauschstudenten stöbern im Werbekatalog eines bekannten Supermarkts – und staunen nicht schlecht. „Body Bags“ gibt es da zu kaufen, heißt es. So weit, so schlecht. Denn eines haben die Werbemacher des Unternehmens offenbar nicht bedacht, als sie einen kleinen, unscheinbaren Rucksack zumindest sprachlich etwas aufwerten wollten: „Body Bag“ bedeutet im Englischen „Leichensack“. Klassischer Fall von „Denglisch“, wie es die Sprachpfleger ebenso neudeutsch wie spöttisch nennen. Mit Blick auf solch’ drastisch-misslungene Blüten, die der Griff in fremde Sprachschubladen mitunter treibt, ist Zynismus wohl durchaus angebracht.

Abbildung eines LeichensacksZunächst ist festzuhalten, dass body bag unbestreitbar „Leichensack“ heißen kann und dass dies die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist. Es ist auch die einzige Bedeutung, die sich in aktuellen Wörterbüchern findet, so dass anzunehmen ist, dass es sich in jedem Fall um die dominante Bedeutung handelt.

Abbildung eines Body BagsAber ein „klassischer Fall von Denglisch“ ist die Verwendung des Wortes als Bezeichnung für eine Tragetasche trotzdem nicht. Eher ein klassischer Fall von „da hat eine Zeitung mal wieder nicht richtig recherchiert und stattdessen einfach VDS-Propaganda übernommen“. Denn body bag kann, zumindest im britischen Englisch, durchaus auch eine Tragetasche bezeichnen. So hat zum Beispiel der LeatherShop.co.uk, ein britisches Traditionsunternehmen, das Lederwaren britscher Designer verkauft, eine ganze Reihe so bezeichneter Artikel im Sortiment.

Wir haben es hier also mit einem polysemen Wort zu tun, einem Wort also, das mindestens zwei mehr oder weniger eng verwandte Bedeutungen hat: body bag1 („Leichensack“) und body bag2 („modische einriemige Tragetasche“). Die Tatsache, dass body bag2 noch nicht im Wörterbuch zu finden ist, deutet darauf hin, dass es sich dabei um eine lexikalische Innovation jüngeren Datums handelt. Sprecher entwickeln ihre Sprache unaufhörlich weiter, um sie den Gegebenheiten ihrer sich wandelnden Umwelt anzupassen. Das ist aber kein Grund zur Sorge, sondern ein Grund zur Neugier: wie entstehen zusätzliche Bedeutungen für bestehende Wörter?

Für Body Bag bieten sich mindestens zwei Hypothesen an.

Die erste Hypothese ist die offensichtliche: die zusätzliche Bedeutung hat sich im (britschen) Englisch entwickelt und ist von dort in den kontinentaleuropäischen Gebrauch übergegangen, genau wie hunderte anderer Lehnwörter. Dass dabei nur eine der Bedeutungen übernommen wurde, ist nicht weiter ungewöhnlich; es ist der Normalfall bei Entlehnungen aus anderen Sprachen.

Da das Wort body bag als Bezeichnung für eine Tragetasche aber auf der Grundlage einer eilig durchgeführten Google-Suche in Deutschland (und anderen europäischen Ländern, z.B. Holland und Italien) häufiger zu finden ist, als in Großbritanniern, bietet sich eine zweite, weniger offensichtliche Hypothese an: das Wort könnte außerhalb der englischsprachigen Welt als Bezeichnung für bestimmte Arten von Taschen entstanden sein und sich dann von dort aus im Zuge der Globalisierung auch in die englischsprachige Welt verbreitet haben.

Abbildung eines Body BagsIch kann nicht mit Sicherheit sagen, welche dieser Hypothesen richtig ist. Es spricht aber einiges dafür, dass an beiden etwas Wahres ist. Das Wort bezeichnet nämlich mindestens zwei verschiedene Arten von Taschen. In Großbritannien bezeichnet es typischerweise Taschen mit einem Riemen, die seitlich am Körper getragen werden, wobei der Riemen quer über die Brust geht [siehe Abbildung oben]. Diese Taschen werden auch häufig als Across-Body-Bags oder Cross-Body-Bags bezeichnet. Body Bag könnte hier also als Kurzform entstanden sein. In Europa bezeichnet das Wort hauptsächlich Rucksäcke mit nur einem Riemen, die auf dem Rücken getragen werden [siehe Abbildung links]. Die Bezeichnung Body Bag könnte hier unabhängig von der britischen Bedeutung entstanden sein.

Ganz egal, welche dieser Hypothesen die richtige ist, das größte Problem an einem Satz wie I need a new body bag to go with these shoes scheint mir derzeit die mögliche Verwirrung darüber zu sein, ob ein Rucksack oder eine Handtasche gemeint ist. Die Polysemie des Wortes body bag an sich scheint aber die Briten im Großen und Ganzen nicht weiter zu stören, ebensowenig, wie es die Polysemie des Wortes body („Körper“/„Leiche“) selbst tut — ein leidenschaftlich gestöhntes I want your body führt ja normalerweise auch ins Bett des/der Geliebten und nicht ins Gefängnis.

Es ist im Englischunterricht gängige Praxis, deutsche Englischlerner auf solche Polysemien hinzuweisen; das ist ein ganz normaler Aspekt der täglichen Wortschatzarbeit. Natürlich sind solche Hinweise dort besonders wichtig, wo das englische Wort mit einer seiner Bedeutungen auch in das Deutsche Eingang gefunden hat.

In den USA scheint die Verwendung des Wortes body bag als Bezeichnung für Tragetaschen übrigens tatsächlich extrem selten zu sein (auch das kann man in der Wortschatzarbeit erwähnen). Die ungleiche Verteilung des Wortes in der englischsprachigen Welt könnte die Verwirrung der amerikanischen Austauschstudenten in der (vermutlich fiktiven) WZ-Anekdote erklären. Nur: die gleiche Verwirrung hätten Sie beim Durchblättern britischer Werbeprospekte in einer britischen Mensa erlebt.

Ein Kommentar zu „Body-Bag Blues“

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