Bedrohte Wörter

Ich wollte eigentlich etwas über Bodo Mrozek schreiben, der auf seiner Webseite und neuerdings auch in zwei Büchern („Lexikon der bedrohten Wörter“ I und II) völlig ironiefrei für den Erhalt von Wörtern wie Duttengretel, Hagestolz und Nasenfahrad agiert.

Doch gerade sehe ich, dass die Freie Presse den Düsseldorfer Sprachwissenschaftler Rudi Keller zu diesem Thema interviewt hat. Dem, was Keller sagt, ist wenig hinzuzufügen und so empfehle ich Ihnen einfach die Lektüre des Interviews.

Nur eins: es bleibt unklar, nach welchen Kriterien Mrozek Wörter als „bedroht“ einstuft. Spontan könnte man auf Verwendungshäufigkeit tippen, denn vermutlich sind diese Wörter ja deshalb bedroht, weil sie selten verwendet werden. Aber das scheint nicht das Kriterium zu sein. Neben echten Seltenheiten wie Düffeldoffel mit 183 und Kanzelschwalbe mit nur 124 Google-Treffern finden sich auf der Liste auch Wörter wie Anhalter mit 1.270.000 und Diskothek mit satten 3.310.000 Treffern.

[Nachtrag (3.2.2007): Ein Leser weist mich gerade per Email darauf hin, dass Mrozek einigen der aussterbenden Wörter eher kritisch gegenüberzustehen scheint. So sagt er zur oben erwähnten Duttengretel: „Seit dem langen Marsch des Feminismus durch die deutschen Sprachregelungen erklingen derlei volkstümliche Tatsachenbeschreibungen mit Recht nur noch selten“ (Hervorhebung von mir). Nun bin ich völlig verwirrt: es gibt also Wörter, die vor dem Aussterben gerettet werden sollen, obwohl sie „mit Recht“ nicht mehr verwendet werden?]

[Nachtrag (7.3.2007): Das Interview mit Rudi Keller ist leider online nicht mehr verfügbar. Deshalb hier ein Zitat, das die Essenz wiedergibt:

Keller: Wörter verschwinden, wenn sie nicht mehr verwendet werden. Man redet oft über die Sprache sehr verdinglichend, dabei ist Sprache nichts anderes als der konventionelle Gebrauch von Wörtern durch Menschen. In der Liste der bedrohten Wörter sind nun jede Menge Ausdrücke für Gegenstände, die nicht mehr im Gebrauch sind, zum Beispiel „Plattenspieler“ oder „Wählscheibe“. Wenn die Menschen keinen Anlass haben, von Plattenspielern und Wählscheiben zu reden, dann weiß ich gar nicht, warum sie das Wort verwenden sollten.

Außerdem habe ich über das ib-Klartext-Sprachblog noch diesen Link auf einen schönen Artikel zum Thema gefunden.]

6 Kommentare zu „Bedrohte Wörter“

  1. “All living languages change with time” (Fromkin et al., 2007)
    Ich sehe keinen Grund wieso die Deutsche Sprache und ihr Vokabular dort eine Ausnahme bilden sollte. Und wieso sollte “Base” weiterhin im Sprachgebrauch zu finden sein, wenn sich meine “Tante” doch damit überhaupt nicht mehr angesprochen fühlt? Und wenn Wörter keine Verwendung mehr finden, wieso wird dann die Findung eines neueren Wortes nicht als Erfolg und Gewinn erfahren? Wieso ist der Verlust zu beklagen? Und wenn nicht aufgrund der Verwendungshäufigkeit eine solche Liste bedrohter Wörter geführt wird, was ist dann das ausschlaggebende Kriterium?
    Auch hier freue ich mich auf weitere Einblicke und Meinungen ;-)
    MfG
    Oliver Voigt

  2. Och, ich weiß nicht… die „Rote Liste“ ist schon eine komische Mischung aus leicht angestaubtem Slang (Lümmeltüte), DDR-Nomenklatur (Schallplattenalleinunterhalter), politischer Agenda (Patriotismus) und obsoleten Begriffen (Droschke). Aber wenn man die alle abzieht, bleiben doch ein paar schöne Wörter übrig, die man sich im stillen Kämmerlein auf der Zunge zergehen lassen kann, auch wenn es vielleicht im Alltag keine Verwendung mehr für sie gibt…

  3. Oliver:
    Ich dachte, es hieße so:
    base kusine / cousine
    muhme tante
    (und natürlich:
    vetter cousin
    ohm onkel
    )
    … oder nicht? 8^)

  4. Base kann wohl Tante oder Cousine bedeuten, sowohl Base als auch Muhme stehen für Tante. Ich meine, der Unterschied liegt darin, ob es die Schwester der Mutter oder des Vaters ist… scheint heute nicht mehr wichtig zu sein ;-)
    Ich glaube, das hat passenderweise sogar Herr Keller in seinem Buch zum Sprachwandel ausgeführt

  5. Als “Fan” von Bodo Mrozeks “Lexikon der bedrohten Wörter” muss ich dieses hier einmal in Schutz nehmen. “Ironiefreiheit” ist das Letzte, was man dem Autor vorwerfen kann. Die Bücher sind eine geistreiche Spielerei mit der Sprache und voller Witz und (Selbst-)Ironie. Die findet man in der Sprachwissenschaft leider selten. Ich habe ein Interview mit Mrozek gelesen und ihn auch mal im Fernsehen gesehen, und da hat er seine Haltung auch sehr deutlich gemacht. Seine Kriterien zur Auswahl der Wörter steht schon auf den ersten Seiten seines Buches im Vorwort. Mein Tip: Lesen Sie sich erstmal das Buch und urteilen Sie dann neu.

  6. @KBeckmann: Ich habe das Buch gelesen und teile trotzdem Herrn Stefanowitschs Auffassung. Ich halte die Erklärungen, unabhängig von den ausgewählten Wörtern, wegen ihrer Uniformität für unlesbar - wer eine gelsen hat, kennt alle; man schläft ab dem 10. Begriff beim Lesen ein. Und der Stil ist ganz grauenhaft, ich empfinde ihn als so zwanghaft witzig, dass es nervt. Dabei lache ich eigentlich gern.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.