Kleine Anleitung zum geistreichen Fluchen

Zum neuen Monat finden sich gleich vier Texte zum Thema Sprache in den beiden Marktführern auf dem deutschen Satiremarkt, Titanic und Eulenspiegel. Einer davon (unter Punkt 4. im Rest des Beitrags) könnte fast als sprachwissenschaftlicher Aufsatz durchgehen, und tatsächlich haben sich auch schon Linguisten mit seinem Thema befasst: Schimpfwörter. Aber der Titanic-Text ist noch dazu ziemlich witzig.

1. Unter dem Titel „Klartext im Februar“ widmet Werner Gerl im Eulenspiegel seine Aufmerksamkeit dem Internationalen Tag der Muttersprache. Gerl bemüht sich, sich über den Begriff „Muttersprache“ lustig zu machen, über die Wortfindungsschwierigkeiten seiner eigenen Mutter (die so etwas wie ein schwäbischer Schlumpf gewesen sein muss, denn sie ersetzte häufig Substantive durch „Dings“) oder die von Georg Hackl oder Donald Rumsfeld. Wie so vieles im Eulenspiegel: ganz unterhaltsam, aber nicht wirklich zum Lachen.

2. Nützlich fand ich im gleichen Magazin die kurze Buchbesprechung des Wörterbuchs der Jugendsprache 2006 von Matthias Biskupek. (So heißt der Rezensent – das Buch verantwortet PONS. Einige wenige Beispiele dienen schon als eindeutige Kaufempfehlung für mich, und zwar in dem Sinne, dass ich 2 Euro besser anlegen kann. Von „Fünf-Finger-Rabatt“ sprachen wir schon in den frühen 80ern, „Kohlenbeschaffer“ (so nennen Jugendliche angeblich ihre Eltern) ist schon morphologisch nicht stimmig („Kohlebeschaffer“, wenn schon!), und bei „Wayne interessiert es?“ ist die Grenze zur Debilität endgültig überschritten. Buy that not. Haaaa!!!

3. Richtig schön ist dafür „Der Schwadronomat“ von Reinhard Ulbrich, ebenfalls in der „Eule“. Der Autor hat sich ins Internet geklemmt und verschiedene kurze Texte maschinell ins Englische und zurück übersetzen lassen. Die Masche ist alt. Schon in der Frühzeit der maschinellen Übersetzung kursierte die Anekdote, ein Forscherteam habe das englische Sprichwort Out of sight, out of mind ins Japanische übersetzen lassen, und auf dem Rückweg ins Englische sei Invisible, insane angekommen. (Se non è vero, è ben trovato, sagt ein italienisches Sprichwort, also „Wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden“. Oder, wie ein Computerprogramm vielleicht übersetzen würde: „Wenn es nicht Vera ist, ist Ben gefunden“.) Ulbrich hat aber ein Händchen dafür zu ahnen, welche Eingabe besonders hübsch verunstaltet werden könnte. „Das Rütteln ist notwendiges Deutschland durchmachte“ ist ebenso sinnfrei wie das Original-Mantra von Roman Herzog, hat aber mehr Charme. Natürlich wimmelt das Internet von solchen Übersetzungsunglücken (neulich stieß ich z.B. auf dies hier), aber die Lektüre lohnt sich trotzdem.

4. Und damit komme ich dann endlich zum Thema der Überschrift, dem Text „Fluchen wie der Balkan“ von Ella Carina Werner, diesmal aus Titanic 2/07. Dass man sich dem Thema Kraftausdrücke mit den Methoden der Semantik so nähern kann wie jedem anderen, haben Damaris Nübling* und Marianne Vogel in einem sprachwissenschaftlichen Aufsatz gezeigt. Aber auch Werner liefert eine kleine Bibliographie, sie erarbeitet eine Typologie („Die Faustformel für den Balkan-Fluch: Ficken + Mutter + X“) und zeigt regionale Variation auf („Wird die Mutter gefickt, befindet man sich in Kroatien; ist es der Vater, in Montenegro; ist es die Schwester, in Albanien.“), ganz wie ein vergleichender Sprachwissenschaftler es tun würde.

Da es aber ein Titanic-Text ist, lässt sie dankenswerterweise die Fluchenden ausführlich zu Wort kommen. Dabei gehen schon mal Sonderzeichen verschütt oder steht ein Wort in der Übersetzung („Ficken“ natürlich), das im (in diesem Fall rumänischen) Original gar nicht vorkommt, aber im Großen und Ganzen stimmt die Richtung, und vor allen Dingen musste ich gleich an mehreren Stellen herzhaft schmunzeln. „Ein Elefant soll dich ficken, mit einem Kopfsprung vom Balkon!“ (Bulgarisch) – das ist doch mal plastisch ausgedrückt. Und wird einem Folgendes an den Kopf geschmissen: „Ich ficke den Wald Christi, in dem dein Großvater den Baum gefällt hat, aus dem dein Vater den Schrank mit der Schublade gezimmert hat, aus dem euer Nachbar den Präser genommen hat, der danach beim Ficken in der Möse deiner Mutter geplatzt ist!“ (Rumänisch), merkt man eindeutig, in welchem Gemütszustand der Gesprächspartner sich befindet. Eine europaweite Übersicht über gängige und abseitigere Schimpfwörter findet sich in Stephen Burgens Buch Your Mother´s Tongue von 1996, das 1998 als Bloody Hell, verdammt noch mal! auf Deutsch erschienen ist. (Vor dem Kauf besser erst mal reinsehen: Der Autor bemüht sich m.E. zu sehr, lustiger zu sein als sein Material.)

Mit einem Augenzwinkern belamentiert Ella Carina Werner, wie armselig die deutsche Sprache im Vergleich doch ist. Tenor: Alles ist einfach nur „scheiße“, und allenfalls mit Komposita wie „Analakrobat“ oder „Spinatwachtel“ könne man Würze in die Flucherei bringen. An dieser Stelle bin ich nicht ganz einverstanden. Eine real existierende Slowenin erzählte mir vor einigen Jahren, auf Slowenisch könne man nur fluchen, wenn man sich kroatische Wörter ausborgt. Das habe ich schon damals nicht geglaubt, und eine ähnliche Behauptung über die finnische Sprache von dem (ansonsten großartigen) Bill Bryson war schlicht ein Missverständnis.

Der Aufsatz von Nübling & Vogel (2004) zeigt, dass auch in eng verwandten Sprachen unterschiedliche Tabus stärker sein können als andere, und diese dominieren dann die Kraftausdrücke. Und zwar in etwa so: Niederländisch = ficken und Fotze, Deutsch = Scheiße und Arsch, Schwedisch = Gott und Teufel. (Fürs Niederländische wird auch noch der Bereich „Krankheiten“ genannt. Ich kann das nur fürs flämische Niederländisch beurteilen, aber dort sind die von N & V genannten Beschimpfungen marginal. Dafür gilt godverdomme „gottverdammt“ als erstaunlich starker Fluch.)

Gewiss, wer alle fünf Sekunden „Scheiße“ und „fick dich“ sagt, erreicht damit im besten Fall nichts, oder er wirkt unfreiwillig komisch. Wie viel effektiver scheinen dagegen die ausgefeilten Balkan-Flüche! Bis ins 19. Jahrhundert wurden auf dem Balkan noch ganze Volksepen aus dem Kopf rezitiert bzw. improvisiert, ganz wie in Griechenland zu Zeiten Homers. Aber ich habe mal eine Woche in Belgrad verbracht, und ich hatte den Eindruck, dass der Marktanteil des Kraftausdrucks jebo te „ich ficke dich“ bei ca. 95% lag.

Ebenso haben wir im Deutschen noch immer die Möglichkeit, wieder in die umgekehrte Richtung zu gehen und kreativer beim Fluchen zu werden. Auf ein „fick dich“ reagiere ich gar nicht, über ein „fick dich ins Knie“ muss ich wenigstens schmunzeln, und bei „bohr dir ein Loch ins Knie“ weiß ich, dass ich denjenigen, der das zu mir sagt, doch etwas zu sehr getriezt habe. Natürlich ist der Ausdruck nicht neu, und man könnte einwenden, dass das doch heute niemand mehr sagt. Aber: eben!

Überhaupt ist Absurdität meiner Meinung nach ein guter Ansatz zum gepflegten Fluchen. Kraftausdrücke nutzen sich nämlich schnell ab. Als ich mit 12 anfing, statt „super“ „geil“ zu sagen, bekam ich Ärger mit meinen Eltern. Heute wirkt der Slogan „Geiz ist geil!“ nicht wegen des Adjektivs provokant, sondern weil er die Triebfeder des Kapitalismus so treffend auf den Punkt bringt. Dabei sagte man schon nicht mehr „geil“, sondern „krass“, als ich 20 war.

Was meine ich mit Absurdität? Der Fußballtrainer Peter Neururer war mal sehr unzufrieden mit der Leistung seiner Spieler, also nannte er sie „Muscheltaucher“. Nimmt man ihn wörtlich, erreicht der Vergleich das Gegenteil von dem, was Neururer meinte. Nach Muscheln tauchen ist harte Arbeit, man muss topfit sein und ein großes Lungenvolumen haben. Es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, bis Profimannschaften im Trainingslager als Ausgleichssport tatsächlich nach Muscheln tauchen. Dass Neururer hochgradig sauer war, merkten die Spieler sicher auch so, und sie rechneten wohl mit Beschimpfungen wie „faule Säcke“, „Idioten“ oder meinetwegen auch „Vollpfosten“. Aber der „Muscheltaucher“ kam so unerwartet, dass er funktioniert hat. Das ist das Schöne an Sprache: Manchmal versteht man, was gemeint ist, obwohl man eigentlich keine Chance hat zu verstehen, was gemeint ist, wenn man das Gesagte wörtlich nimmt.

Zum Schluss liefere ich noch meinen Lieblingsfluch, aus dem eng mit dem Deutschen verwandten Jiddischen: „Mögen dir alle Zähne ausfallen bis auf einen, damit du noch Zahnschmerzen haben kannst!“ Na also - geht doch!

*Wer Damaris Nübling in Bremen live sehen möchte, kann am kommenden Samstag, den 3. 2. 2007, am Linguistischen Kolloquium teilnehmen. Dann geht es allerdings nicht um Schimpfwörter, sondern um den Umlaut in deutschen Modalverben. Für einen Grammatikfreak wie mich ist das genauso spannend.

6 Kommentare zu „Kleine Anleitung zum geistreichen Fluchen“

  1. Eine sehr unterhaltsamer Artikel, der zum Schmunzeln einlädt. Ein spannendenes Thema, zu dem es hoffentlich noch weitere Veröffentlichungen geben wird - auch an dieser Stelle.

    Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, so sind in der Ungarischen Sprache auch Schimpfwörter ähnlichen Formats zu finden, die, ins Deutsche übersetzt, eher zu einem “breiten Grinsen” einladen..

    Freue mich auf mehr ;-)

    MfG
    Oliver Voigt

  2. Doch, die Krankheiten sind voll da in den niederländisch-niederländischen Schimpfworten. Und sie lassen sich auch nur dem Anscheine nach übersetzen: “Krebsschwuchtel” klingt auf Deutsch sehr fremd, aber wenigstens vage nachvollziehbar - und doch fehlt so vieles von der abgründigen Verärgerung, mit der man auf den Radwegen Amsterdams (völlig ungeachtet sexueller Neigungen des Beschimpfenden oder Beschimpften) als “Kankerhomo” bezeichnet wird…

  3. Wenn ich da auch noch ein paar Flüche beisteuern darf:

    http://wortreich.nightshift.ch/tag/Schimpf%21

  4. zum Thema Krankheit und fluchen fällt mir noch das Schimpfwort “Krankenscheisse” (auf eine Person bezogen) ein, das ich in meiner 80er-Jahre-Kindheit öfter gehört und auch selbst benutzt habe

  5. Nicht daß der “Muscheltaucher” eigentlich ein “Muschitaucher” hätte werden sollen … mit der Behauptung, das Gegenüber würde bestimmte über den Vaginalverkehr in Missionarsstellung hinausgehende Sexualpraktiken anwenden, kann man ja auch in vielen Sprachen fluchen, man denke nur an den deutschen “Wichser” und viele weitere.

  6. einer meiner all-time-favourites: Der hochverehrte Trainer T. Schaaf zu einem Journalisten: “Du hast doch ‘n nassen Helm auf!”

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.