Presseschau

Die Medienpräsenz der Sprachwissenschaft war diese Woche hauptsächlich durch die selbsternannte „Unwort des Jahres“-Jury bestimmt, die in diesem Jahr die freiwillige Ausreise zum Unwort erkoren hat. Als Sprachwissenschaftler kann man dazu eigentlich nicht viel sagen, denn die Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit Unwörtern genausowenig, wie die Zoologie mit Untieren oder die Mathematik mit Unsummen. Die Begründung der Jury hat dann mit Sprache auch nur wenig zu tun:

Freiwillige Ausreise meint in Abgrenzung zum amtlichen Begriff Abschiebung, der Zwangsmaßnahmen beinhaltet, die Konsequenz aus der „intensiven Beratung“ abgelehnter Asylbewerber in den sog. Ausreisezentren, die Bundesrepublik doch lieber von selbst wieder zu verlassen. Die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise darf in vielen Fällen bezweifelt werden.

Das macht den Begriff freiwillige Ausreise allerding nicht zu einem Unwort, sondern zu einer Lüge. Und „Lügen haben kurze Beine“, das wusste schon meine Großmutter. Dafür braucht es keine Sprachwissenschaftler.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass gleich in der ersten Presseschau eine Kollegin vorkommt — unsere Christel Stolz stellt in der Kreiszeitung einige der für das Jahr der Geisteswissenschaften geplanten Aktivitäten vor, die uns zu gegebener Zeit auch hier im Bremer Sprachblog beschäftigen werden. Dabei wird sie mit der Aussage zitiert „Wir beschäftigen uns im Studiengang Linguistik ja gerne und viel mit Grammatik.“ Normalerweise würde man ja vermuten, dass jemand, der so etwas sagt, entweder professionelle Hilfe braucht oder falsch zitiert worden ist. Aber wir Sprachwissenschaftler sind tatsächlich so.

Auch das hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich vor zwölf Jahren anfing, Sprachwissenschaften zu studieren: dass die Sprachwissenschaft einmal Pate für eine naturwissenschaftliche Methode stehen würde. Das erfährt man nämlich im Tagesspiegel, der von Genetikern berichtet, die das Genom von Mensch und Schimpanse vergleichen und dabei Gene wie Wörter behandeln. Das Verhältnis zwischen den Methoden der Sprachwissenschaft und der Genetik ist in Wirklichkeit etwas komplexer — ich werde bei Gelegenheit darauf zurückkommen. Heute belasse ich es dabei, festzuhalten, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Sprache also offensichtlich nur irrtumshalber zum Klammerthema für das Jahr der Geisteswissenschaften erhoben hat. Aber das soll uns Sprachwissenschaftlern natürlich recht sein. Wie Paul Simon sagt, „Who am I to blow against the wind?“.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.