Expeditionen ins Sprachpräservat (1)

Der Potsdamer Sprachwissenschaftler Gisbert Fanselow ist Vorsitzender der „Gesellschaft gegen den Erhaltung der deutschen Sprache“ und sammelt auf seiner Webseite „100 gute reasons gegen die preservation von der deutschen Sprache“. Als Mutter aller Gründe erscheinen dabei die „Gesellschaften, Vereine und Unionen zur Erhaltung der deutschen Sprache“. Doch ist dieses harte Urteil auch berechtigt? Entscheiden Sie selbst! In der Reihe Expeditionen ins Sprachpräservat stellen wir in loser Folge Menschen vor, die sich der sogenannten Sprachpflege verschrieben haben. Was man da eigentlich noch mal so macht? Wir haben Antworten gesammelt.

Expedition I

Ludger Nehls ist Sprachpfleger. Einer für die harten Fälle: Einer, der hinschauen muss, wo’s wehtut und sich um Texte kümmert, die die Gesellschaft schon längst abgeschrieben hat. Wir begleiten ihn an einem nasskalten Wintermorgen durch die Schluchten einer wortkargen Vorstadt, unterwegs zu seinen ersten „Kunden“ an diesem Tag, wie das seit neuestem heißt, Familie M. „Natürlich schlägt mir schon viel Ablehnung entgegen“, berichtet Nehls. „Die Leute wissen, dass sie mich ohne Gerichtsbeschluss nicht in die Wohnung lassen müssen. Viele behaupten an der Tür auch einfach, dass sie gar keine Sprache haben“. Natürlich blieben da schon manchmal Zweifel. Trotzdem: Über die akademische Lehrmeinung, es gebe eine Art genetische Anlage für Sprache, die dafür sorge, dass eigentlich alle eine haben und die sich quasi wie von selbst dann auch noch gut entwickle, kann Nehls nur lächeln. „Die Herren Professoren, die sowas behaupten, die sollten mal hier rausfahren“, meint er. „Schauen Sie sich doch hier mal um: wenn überhaupt, gibt’s hier nur Gegensprechanlagen. Da wird es dann schon schwer, die Leute überhaupt noch zu erreichen“. An diesem Morgen aber hat Nehls Glück: Familie M. ist zuhause und öffnet auch bereitwillig die Tür.

Erschreckende Verwahrlosung

In der Wohnung der M.s bietet sich ein erschütterndes Bild: Überall türmt sich der Unrat auf, ein stechender Geruch hängt in der Luft, der Fernseher läuft auf voller Lautstärke, ein Hund kläfft ohne Unterlass dagegen an. Frau M. wendet ihr geschwollenes linkes Auge ab, spuckt aus und schnippt die Zigarette in die Spüle. Nehls weiß schon, wo er nachsehen muss: In einem verdreckten Zimmer am Ende des mit Flaschen und getragenen Kleidungsstücken übersäten Flurs kauert unter dem Couchtisch eine völlig verängstigste Jugend-, ja fast noch eine Kindersprache. Mit geübtem Handgriff überprüft der Pfleger die zitternd an den Leib gepressten Satzglieder auf Zeichen von Gewalteinwirkung und redet gleichzeitig beruhigend auf die Sprache ein: „Ist gut jetzt, alles ist vorbei – ich hole dich hier raus, versprochen!“. Es folgt ein heftiger Wortwechsel mit der offenkundig angetrunkenen M., die sich nach anfänglichem Widerstand plötzlich aufs Sofa fallen lässt und nur mehr teilnahmslos den Hund anstarrt. Nehls nimmt die Sprache an die Hand und geht.

Nüchterner Realismus

„Furchtbar“, sagt er später, „das nimmt mich jedes Mal aufs Neue mit – wie Leute mit den eigenen Klein- und Kleinstsprachen so umgehen können“. Trotzdem möchte Nehls seinen Beruf mit niemandem tauschen. „Also, ich weiß nicht – ich wüsste ja auch gar nicht, was ich bei dem Anderen auf der Arbeit dann so machen müßte. Nee, nee, im Grunde hab ich mich da schon mit abgefunden jetzt“, gibt sich der 38-jährige realistisch. Die kleine Sprache jedenfalls hat noch mal Glück gehabt: Sprachpfleger Nehls wird eine neue Sprachfamilie für sie suchen, wo sie es besser haben wird.

2 Kommentare zu „Expeditionen ins Sprachpräservat (1)“

  1. Oha! Es hat einen ganz schönen Moment gedauert bis es «Klick» gemacht hat.

    Die Szene kann nicht in Bremen gespielt haben. Der «Fallmanager» hätte derart viele Fälle zu betreuen, dass er für solche wahrlich erschütternden Hausbesuche gar keine Zeit & kein Buget gehabt hätte…

    d;)

  2. Gute Methapher, die nachdenklich macht.
    Danke für diese Anregung.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.